Dorfleben

Die unter diesem Titel zu lesenden Zeilen wurden von meinem "Onkel Seff", Josef Hlawatsch, in den Jahren 1959 bis 1963 in den "Olmützer Blättern" in monatlicher Folge veröffentlicht und sollten einen Überblick geben über das Dorf Nimlau, seinen Bewohnern, deren Lebensweise im jährlichen Ablauf und nicht zuletzt Eindrücke aus seiner persönlichen und familiären Umgebung. Da die letzten Zeitzeugen dieser Generation nicht mehr unter uns weilen ist es, glaube ich, umso notwendiger dieses Wissen nachfolgenden Generationen zugänglich zu machen und nicht im großen Papierkorb der Geschichte verschwinden zu lassen.

Mein "Onkel Seff" schrieb also:

Meine lieben Nimlauer

1. Kapitel

Verzeihet mir, wenn ich heute um ein wenig Aufmerksamkeit bitte. Ich habe mir vorgenommen und will es auch versuchen, euch einen kleinen Abriss allen Tuns und Treibens, allen Spiels und aller Arbeit unseres alten Heimatortes Nimlau zu geben. Wir wollen uns, alt und jung, die Bilder vor die Augen führen, die uns an alles Gute und Schöne, aber auch an schlechte Zeiten erinnern.

Es liegt mir fern, gleich zu Anfang die schwerste Zeit unseres Lebens, ich meine die Zeit als wir um alles Hab und Gut gebracht, Austreibung aus unserer alten Heimat, in unserem Herzen wachzurufen. Aber wir können nicht anders und wir kommen auch nicht darüber hinweg. Wir müssen es als unsere heilige Pflicht betrachten, an unsere Heimat und den Ort zu denken, in dem einst unsere Wiege stand. Hilflos und trostlos war damals die Zeit als wir um alles Hab und Gut gebracht wurden und in den öden, von Grauen gezeichneten Dörfern nur beutegierige Elemente herumschlichen. Die in Kellern, auf Dachböden, in den Scheunen und auch im Getreide der Felder verborgenen Menschen hatten nur mehr eine Sehnsucht: Leben und Freiheit zu retten.

Die Bilder jener Zeit sind heute fast verblasst, denn die, welche das schwerste Leid jener Tage tragen mussten, unsere Eltern und Großeltern, sind heute nicht mehr unter uns Lebenden. Sie wurden ein frühes Opfer dieses furchtbaren Geschehens.

Ich werde mich bemühen, in den weiteren Nummern das, was ich vom Zuhause aufbehalten habe, auch in der Mundart (Nimlauerisch) wiederzugeben. Es würde mich freuen, wenn sich jemand aus Nimlau finden würde, der mir dabei ein wenig helfen könnte. Hat jemand gute Bilder von Nimlau, so wäre es gewiss schön, wenn er sie mir zur Verfügung stellen würde; nach dem Abdruck werden sie wieder zurückerstattet.

Bevor ich aber mit den eigentlichen Ausführungen in der nächsten Nummer beginne, wollen wir erst gemeinsam unseren Gefallenen und Vermissten, der Väter, Söhne und Brüder gedenken. Wofür sie sich geopfert haben wissen wir nicht, aber für uns sind sie nicht tot. Wir, die ganze Gemeinde Nimlau, wollen ihnen in unseren Herzen für immer ein treues Angedenken bewahren. Die fremde Erde sei ihnen leicht!


2. Kapitel

Viele Großeltern, Eltern oder deren Kinder träumen nicht mehr von der alten Heimat oder sind heute nicht mehr in der Lage, sich nur eine kleine Vorstellung von ihr zu machen. Ich aber werde in der nächsten Nummer eure Gedanken nach Hause führen.

Es war einmal. Diese drei Worte klingen wie aus dem Märchen, aber es ist und es war kein Märchen. Meine Lieben, ich darf es wohl sagen, auch wir hatten einmal eine Heimat und ein Heim. Ich weiß, die jungen Bürger der Gemeinde Nimlau sind heute zum größten Teil verheiratet und viele von ihnen mit einem „Altbürger“ wie man hier sagt. Die haben bestimmt kein Verlangen mehr, die alte Heimat auch nur in Gedanken noch wiederzusehen, sie haben schon eine „neue Heimat“ gefunden. Es möge ihnen in der Zukunft nur alles Gute beschieden sein. Ihre Vorhaben sollen ihnen für immer blühen und gedeihen. Die alte, wetterfeste Generation aber muss ertragen, was ihr vom Schicksal auferlegt wurde.

Ein jedes Dorf, das einst „ausgesiedelt“ wurde, ist im ganzen Bundesgebiet zerstreut worden und das ist das schlimmste Unglück. So gibt es viele Bürger der Gemeinde Nimlau, die sich seit der Vertreibung nicht mehr sehen konnten, ja, man weiß gar nicht, wo sie wohnen und ob sie überhaupt noch am Leben sind. Man begegnet oft jungen Leuten aus Nimlau und man kennt sie gar nicht. Mir ging es schon so.

In Vorjahr stand ich am Schlossplatz in Stuttgart und wartete auf die Straßenbahn. Da kam ein junges Ehepaar auf mich zu. Die Frau reichte mir die Hand und sagte: „Grüß eich Gout Lawatsch-Vetter!“ Auch der Herr tat dasselbe und ich gab den Kindern meine morsche Hand und sagte auch: „Grüß eich Gout!“ Ich stand da und dachte nach, wer die beiden wohl sein mögen. „Ihr seid mir nicht fremd“ sagte ich, „nur weiß ich euren Namen nicht.“ Ich bin die Tochter vom Schenk Richard, den Vorsteher aus Nimla und dos is mei Mohn, dos i a Atzler, a Suhn von Atzler Franz bei de Schul.“ So, jetzt ho ich’s gewusst wer sa sein. Jetzt sah ich die beiden in Gedanken wieder: Er wor a Atzler Kerla und sie wor a Schenk Madl.

Und so wird es wohl schon manchem Nimlauer gegangen sein. Wir wollen versuchen, uns untereinander nicht fremd zu werden und wollen jedem Vetter oder jeder Basel, wo wir sie auch treffen mögen ein herzliches „Grüß eich Gout!“ sagen. Denn schön war daheim die Zeit, gut und gemütlich waren die Leute zu Hause, ob Bauer oder Handwerker, ob Schuster oder Schneider, alle haben sich gut vertragen. (In den besten Familien gibt es einmal einen Krach). War es bei der Arbeit oder beim Spiel oder beim Tanz oder in der Liebe, es war immer ein jeder bereit, dem anderen auszuhelfen. Und wer dieses alles in der Heimat erleben konnte der sagt heute: Ja, es war einmal! Kinder, wie die Zeit vergeht, beinahe sind dreizehn Jahre vergangen und wir, die wir hier in der „neuen Heimat“ leben, mussten uns fremde Menschen suchen, um mit ihnen Freud und Leid zu teilen. Es ist zwar nicht wie zu Hause, aber es kann ja gar nicht so sein. Wir älteren Menschen sind mit der alten Heimat zu sehr verwachsen und darum für die Jungen „zu alt“ und so können wir uns der jungen Welt nicht mehr anpassen. Kummer und Sorgen nach der Austreibung hat jede Spur von Frohsinn begraben, ein jeder war auf der Suche nach Brot und Arbeit beschäftigt und war das nicht eine bittere Zeit? Auch das ist vorüber gegangen und heute ist alles ganz anders. Ein jeder, den ich getroffen habe, hat an Körpergewicht zugenommen. Das bedeutet, dass es ihnen gut geht, dass sie zufrieden und glücklich sind. Sind sie es auch wirklich?


3. Kapitel

Heute wollen wir versuchen, uns im Geiste in Nimlau zu treffen. Treffpunkt ist das Gemeindehaus. Es würde mich wirklich freuen, euch alle, jung und alt, in Nimlau wiederzusehen. Meine Lieben, es wird euch keinen Pfennig kosten, ihr braucht nur die „Olmützer Blätter“ zur Hand zu nehmen und ein wenig mitzumachen. Was ich hier zu Papier bringe habe ich selbst erlebt, gesehen und gehört. Auch sind Erinnerungen dabei an die gute alte Zeit, Erinnerungen mit viel Witz und Humor und manchmal so recht Nimlauerisch. Auch werden oft die alten Ansassen aus Nimlau in Erscheinung treten, die sich immer so benahmen, wie es sich für einen echten Nimlauer ziemte. Sie sind zwar heute nicht mehr am Leben, aber ich kann und darf auch sie nicht vergessen. Sie waren es ja, die uns die alten Sitten und Gebräuche gelehrt habe um sie zu pflegen und unseren Kindern zu überliefern. Weil wir an der Übung dieser Tugend gehindert werden, müssen wir die Erinnerung daran bei jeder sich bietenden Gelegenheit wachrufen.

So, meine lieben Nimlauer, so weit ihr im Besitz der „Olmützer Blätter“ seid, kann ich mit eurer Mitwirkung rechnen. Zuvor einen aufrichtigen Gruß an euch alle, ein kräftiges „Grüß eich Gout“. „ Wies´s daheim war find´st du´s nimmer“ wurde schon damals von den Nimlauer Sängern gesungen, noch unbewusst dessen, was das Schicksal alles mit uns vorhatte. Es sind noch viele, besonders die Alten, die noch immer vergebens suchen. Es war einmal, das find´st du nimmermehr!

Wollen wir nun beginnen. Die vielen Bilder aus Nimlau kann ich nacheinander vor Augen führen, wenn ich auch leider behaupten muss, dass nicht alle Nimlauer das Ausmaß der Gesamtfläche und deren Grenzen kennen und auch ich bin hier nicht in der Lage, genaue Angaben zu machen. Aber ich will es versuchen, euch die Grenzen unseres Dorfes in groben Zügen aufzuzeigen.

Wir brauchen dazu einen Ausgangspunkt und dieser wäre die Eisenbahnbrücke. Wir gehen auf Gießhübel zu, die Hock hinauf und kommen auf den Fußsteig, der zum Goldberg führt. Das Fort steht auf Nimlauer Grund, wir kommen zum Kreuz, das wohl die Grenze zwischen Nimlau, Schnobolin und Nedweis ist, wir gehen weiter nach links und ganz knapp an Nedweis vorbei und kommen zur Marter die auf dem Feld vom Kluger Richard stand. Von hier aus kommen wir im Hohlweg hinter die Runsenhindern zum kleinen Fluss (die Blattetz). Dann geht es bis zu den Zulusfeldern und dem Böhmischen Berg hoch bis zu den Buschäckern und Richtung Wächterhaus zu, über die Bahn zu den Schafferswiesen hinunter und von da aus direkt zum Vorflutgraben. Der führt zur Straße und von da aus geht die Grenze zur March sowie den Fluß aufwärts bis zur Neustifter (zur Kaiserlichen) Brücke. Die Dörrich-Mühle (später „Dehet“) steht wieder auf Nimlauer Grund. Wir gehen dann weiter rückwärts entlang der Neustifter Gärten bis zu den Feldern Nebenanger, von da aus geradeaus zum Nimlauer Teich, bei den tschechischen Häusern und hinter Strnisko Adolfs Garten wieder hinauf zu Eisenbahnbrücke.

Wollten wir den Weg einmal gehen, so würden wir dazu 5 bis 6 Stunden benötigen. Wir haben 3000 Metzen, also ein ganz schönes Stück Land auf unserem Erdball, umwandert.

Ich will euch heute nicht länger aufhalten. Ich weiß, dieser Weg war sehr anstrengend und für viele sicher uninteressant, aber es kommt ja alles anders! Auf jeden Fall bin ich euch recht dankbar für die Mühe und Aufmerksamkeit.


4. Kapitel

Ich glaube, der lange Weg bei der Begehung der Grenzen und Felder von Nimlau in der letzten Nummer hat euch angestrengt, aber werdet nur nicht müde, denn es kommt ja heute wieder besser und wir können beisammensitzen und plaudern! Ich habe Landsmann Archivar J. Röder gebeten, mir einige Daten aus der Vergangenheit von Nimlau mitzuteilen. Er gab mir zu wissen, dass nach dem Krieg, was er im Laufe von 30 Jahren zusammengetragen hatte, vernichtet wurde. Aber doch war es ihm möglich, mir und euch allen einen Bruchteil dessen aus dem Gedächtnis heraus mitzuteilen. Wir wollen Landsmann Röder hierfür unseren Dank aussprechen. So kann ich euch in den nächsten Nummern je nach Thema hiervon verschiedene Nachrichten bekannt geben. Ich sehe mich daher veranlasst, nicht nur einige, sondern einige hundert Jahre zurückzugreifen. Jetzt weiß ich etwas und ihr sollt es auch erfahren, dass schon im Jahre 1131 Nimlau erstmals genannt wurde. Es liegt 208 Meter über dem Meeresspiegel und hatte ein Gesamtausmaß von 677 Hektar. Die Gemeinde gehörte seit dem Jahre 1386 zu Olmütz und wurde im Jahre 1402 ausdrücklich als Olmützer Stadtgut bezeichnet. Nimlau, Gießhübel und Schnobolin hatten schon in der ältesten Zeit eine gemeinsame Hutweide. Wie es so oft auf dem Lande vorkommt, vertragen sich die weidenden Tiere nicht oder sind auch deren Eigentümer nicht einig. So entstand auch hier ein großer Streit, der im Jahre 1555 durch einen Vergleich der Grundherren (dem Bischof Markus Kuen und dem Olmützer Rat) geschlichtet wurde. Diese gemeinschaftliche Hutweide wurde im Jahre 1558 geteilt und von da an hatte jede Gemeinde ihre eigene Hutweide. Auch mit den Koschuschanern hatte Nimlau eine gemeinsame Hutung, die zum Streite führte, der ebenfalls im Jahre 1558 geschlichtet wurde. Der Nimlauer Hutweidenanteil betrug im 18. Jahrhundert hier 101 Metzen, die auf 29 Bauern und 14 Gärtler aufgeteilt wurden.

Meine Lieben, wir selbst haben ja in unseren Jahren eines großen Unglücks gedenken können. Vielleicht können sich die älteren Einwohner von Nimlau noch an das Jahr 1913 erinnern, da sie der im Jahre 1613 ausgebrochenen Pest, die den größten Teil der Ortsbewohner hinweggerafft hatte, mit Trauer gedachten. Die Gemeinde hatte einen Gedenktag anberaumt, der mit einem Gottesdienst in der Ortskapelle eingeleitet wurde, an dem sich die ganze Ortsbevölkerung sowie die Nachbargemeinden beteiligten. Nach der Heiligen Messe begaben sich alle Beteiligten in einer Prozession zur Maria-Säule (auch Pest-Säule genannt) einer Statue, die wohl im Freien aber im Sommer von blühenden Getreide umgeben, sich am Wegrand des von Nimlau nach Neustift durch die Wiesenäcker führenden Feldweges befand.

Diese Säule, auch Mariahilf-Statue genannt stand beim Hohen Rand. Auf der Südseite der Säule, ungefähr in Mannshöhe befand sich folgende Inschrift: „Gott undt der allerheyligsten Jungfraw Maria zu Ehren ist diese Saul aufgerichtet worden anno 1713“. Dieses Standbild bildete seit jeher für den Heimatforscher und Kunstkenner ein Rätsel. Während die schön gegliederte und kunstvoll proportionierte Säule im Stile der Spätrenaissance geschaffen ist, entstammt die Statue der Maria dem Barock. Die Beschreibung der kirchlichen Denkmale im Schnoboliner Pfarrarchiv wusste darüber nichts zu berichten.
Der Redakteur.

Durch eine Ansprache und einen Rückblick in die Vergangenheit des damaligen Gemeindevorstehers Andreas Strnisko sowie ein Gebet und eine Fürbitte zu Gott um die Bewahrung des Dorfes vor einer Wiederkehr der Pest des Kaplans P. Urbisch aus Schnobolin fand der Gedenktag einen würdigen Abschluss. Über die Marie- oder Pestsäule hörte ich die folgende Legende: Ursprünglich hatte Maria ihr Antlitz dem Dorfe zugewendet, aber nach einem Geschehnis im Neustifter Kloster (?) soll Maria ihren Blick mahnend gegen die Neustifter gewendet haben. Als wir die Heimat verlassen mussten, hatte sie ihr Gesicht noch immer der Neustift zugewendet.


5. Kapitel

Ich habe euch in der letzten Nummer von der 300. Wiederkehr eines Gedenktages berichtet, welcher im Jahre 1913 begangen worden ist. Im Jahre 1613 fiel fast die gesamte Ortsbevölkerung der Pest zum Opfer. Zwar konnte ich mir niemals ein klares Bild von dem Ausmaß der Katastrophe machen, aber wir alle können mit Bestimmtheit annehmen, dass die Bevölkerung Nimlaus vor der Pest zur Gänze deutscher Abstammung war.

Unser Landsmann Josef Hlawatsch hat vollkommen recht: Die Bewohner Nimlaus waren von Anbeginn an deutscher Abstammung. Aus dem Mittelalter sind uns folgende Personennamen in Nimlau bekannt: 1413 Habrknapp Hannes, 1414 Simon Paul und Georg, 1420 Herbst Wenzel, Kremer Niclas, Meisner Johannes, Preytschuch Wenzlaw, Schilling Wenzel, Trübskorn Wenzel, 1437 Tebner Hannes, 1446 Engilman Peter, Hensel Paul, Jung Schkoda (?), 1454 Aytelpös Hannes, Altsentag Wenczlaw, Braytschueppel Andreas, Göschel Niclas, Langnickl Bartl, Prokob Peter, Symer Merten, Treuer Niclas, Weigl Steffan, 1456 Lang Wenczlaw, Schindlr Matz, Tebner Paul, 1458 Seifert Benesch (Kretschmer), 1466 Reimer Girg. Im Jahre 1606 saßen folgende Wirte auf den Bauerngründen: Blahe Franz, Endl Nickl, Gulde Bastel, Gulde Urbe, Grames Girg, Graupe Linhard, Henne Nickl, Husler Matz, Husler Paul, Holay Kristoff, Khefer Paul, Khandl Nickl, Kraupe Girg, Liendl Thoma, Ledl Girg, Maulkorb Matz, Moyses Thoma, Olyscher Valten, Pawelka Paul, Perl Girg, Perl Matz, Peter Ludmilla, Prauser Anna, Sauer Bartl, Sommer Matz, Sperling Blasi, Schenck Apollonia, Schenck Bartl, Schworz Albrecht, Till Lorenz, Ullmon Filip. (Julius Röder)

Ich will mich nur auf einige Familiennamen wie Kluger, Melzer, Sach, Steffe beschränken. Es besteht aber auch kein Zweifel, dass damals bei der Wiederauffüllung des Orts bzw. bei der Neubestiftung der Ansässigkeiten etwas slawisches (hier hannakisches) Blut eingedrungen ist. Es hat ja auch damals keinen so großen Hass unter den Menschen gegeben, wie in der kürzlich vergangenen und gegenwärtigen Zeit. Vielleicht hat sich zu dem Endl oder Thomas aus purer Nächstenliebe oder spontaner Hilfsbereitschaft zur Bestellung der Felder und Versorgung der Haustiere ein Strnisko oder Doležel, oder wie sie sonst geheißen haben mögen, gesellt und diese haben damals gemeinsam das vom Schicksal hart getroffene Dorf nach alter Ordnung und Überlieferung weitergeführt.

Kaum 60 Jahre sind durch das Dorf gegangen, als ein neues Unglück über das schwer geprüfte Dorf hereinbrach. Im Jahre 1672 wurde das ganze Dorf durch einen Brand vernichtet und auch hier stehen wir wieder mit gesenktem Haupt, die Gedanken dorthin gerichtet, zu denen, die vor 287 Jahren am Grabe ihrer Habe gestanden haben. Solche und ähnliche Geschehnisse sind für uns in dieser Zeit kaum vorstellbar, aber wir müssen annehmen, dass damals im Dorfe die meisten Häuser mit Stroh gedeckt waren. Eine Feuerwehr nach unseren Begriffen gab es damals nicht. Die Wassereimer, die in jedem Haus für diese Zwecke bereit standen, konnten nicht helfen auch nur ein einziges Haus zu retten.

Alles Gute kommt von oben, pflegt man immer zu sagen. Aber dass das nicht immer zutrifft, bestätigt ein weiteres Unglück, das die Nimlauer betroffen hat. Am 6. August 1707 wurde in Nimlau die ganze Ernte an Hanf und Hirse, deren Anbau in damaligen Zeiten eine gewaltige Rolle gespielt hat, durch Hagelschlag vernichtet. Hier waren wohl keine Menschenleben zu beklagen und es wurde auch niemand obdachlos, aber die Not und das Elend ist in das Dorf eingezogen.


6. Kapitel

In den vorhergegangenen Nummern habe ich euch kurz die schweren Unglücksfälle, die unsere Ahnen ertragen mussten, geschildert. Wir konnten mit Bestimmtheit daraus entnehmen, dass diese Menschen damals nicht auf Rosen gebettet waren. Meine Lieben, wir kommen auch heute wieder zurück in die Vergangenheit, aber mit einem anderen Thema. Habt ein wenig Verständnis dafür, dass ich heute über die Nimlauer Grenzen hinaus bis nach unserer Heimatstadt, der Hauptstadt Olmütz, der einst unsere Gemeinde zugehörig bzw. untergeordnet war, gehe.

Olmütz wurde in den Jahren 1742 bis 1756 wegen der durch den kriegslustigen König Friedrich II. von Preußen heraufbeschworenen ständigen Gefahren zur „Haupt- und Grenzfestung“ ausgebaut, sodann wegen der ständigen Spannungen mit dem nach der Vorherrschaft in Deutschland strebenden Preußen durch zahlreiche Lagerwerke oder Forts sowie Erdwerke in
4 Etappen (1839 – 1845, 1850 – 1854, 1854 – 1857, 1858 – 1866) verstärkt.

Außer den Hauptwerken Tafelberg und Galgenberg kenne ich noch folgende Werke aus eigener Anschauung: 1. Czernowier, 2. Chwalkowitz, 3. Chwalkowitz (Erdwerk), 3a. Paulowitz (Erdwerk), 4. Bystrowan, 5. Kupferhammermühle, 6. Holitz, 7. Holitz, 8. Holitz (Erdwerk), 10. Koschuchan (Erdwerk), 11. Gießhübel, 11a. Nimlau (Erdwerk), 13. Ziegelschlag, 14. Krönau (Erdwerk), 15. Neretein, 20. Krönau, 22. Laska. So weit mir noch erinnerlich ist wurden erbaut: Tafelberg, Galgenberg 1839 – 1845; Gießhübel (XI), Schnobolin (Ziegelschlag XIII), Neretein (XV), Krönau (XVII) 1850 – 1854); Fort im Chomotauer Wald, Fort zwischen Krönau und Horka 1854 – 1857; alle übrigen Forts 1858 – 1866 (insbesondere Fort Radikau).
(Julius Röder)


Hierdurch wurde das ganze Olmützer Land und damit auch unser Nimlau in Mitleidenschaft gezogen. Die Stadt und die sie umgebenden Forts wurden zum Teil auch durch unterirdische Gänge miteinander verbunden. Solche zwei Werke standen auch auf Nimlauer Boden. Das eine, das Werk Nr. 9 (ein Erdwerk), welches schon in den 1880er Jahren abgetragen wurde, stand zwischen dem Kapellenweg und dem „Schanzweg“, ungefähr 300 Meter von der von Neustift nach Koschuschan führenden Bezirksstraße entfernt. Der Standort war noch durch zahlreiche Unebenheiten gut erkennbar. Das zweite, das Fort Nr. 11, das wohl jedermann kennt, stand auf dem schönsten und höchsten Ort von Nimlau, auf dem Goldberg (auch Johannisberg genannt). Schon als Kind und später im Jahre 1919 hatte ich Gelegenheit, das Bollwerk aus alter Zeit zu besichtigen und zu bewundern. Ich nehme an, dass auch viele Einwohner von Nimlau oder aus Olmütz-Land einen Einblick in so ein Fort gewinnen konnten. Später einmal werde ich euch ersuchen, mit mir einmal einen kleinen Ausflug zum Elfer-Fort zu unternehmen. Von dort aus kann man nicht allein einen herrlichen Ausblick auf das Marchtal und das Odergebirge, sondern auch auf unsere ganze schöne Heimat genießen.

Durch die Erbauung der Festung und wegen des Friedensstandes der Garnison von 8000 Mann ergab sich die Notwendigkeit, für die verschiedenen Waffengattungen Übungs- (Exerzier-) Plätze anzulegen. So wurde auf der Nimlauer Hutweide durch einen Vertrag vom 1. November 1780 ein Artillerie-Schießplatz errichtet, zu welchem der Domkapitularische Meierhof in Nimlau und die Bauern von Nimlau insgesamt 14.300 Quadratklafter Grund zur Verfügung stellen mussten. Im Jahre 1821 wurde der Schießplatz vergrößert, so dass der Anteil der Bauern von 5081 auf 5945 Quadratklafter stieg. Alle beteiligten Ansassen erhielten insgesamt 48 Gulden Pachtzins für das Jahr. Den Angaben alter Gewährsmänner zufolge standen die Zielscheiben unweit des Grügauer Waldes. Die Geschütze standen auf den noch gut bekannten Feldern, den sogenannten „Batteriestückeln“. Jeden Nachmittag nach dem Schießen gingen oder fuhren einige Männer in Richtung Grügauer Wald zu den Schießscheiben und sammelten die (damals noch runden und vollen) Kanonenkugeln auf und verkauften dieselben nach Möglichkeit. Der Flurname „Kugelberg“ stammt aus dieser Zeit. Der so günstig und mit vielen Stufen ausgebaute Berg diente gleichzeitig als Scheibenstand und Kugelfang. Von den Festungsbaulichkeiten wurden das Maria-Theresia-Tor und unser Elfer-Fort unter Denkmalschutz gestellt.


7. Kapitel

Auf dem Nimlauer Schießplatz war täglich am Vormittag Großbetrieb und daher das Betreten dieses Gebietes verboten. Als am Mittag das Trompetensignal zum Feuereinstellen und zum Abzug des Militärs ertönte, durfte der damalige und auch letzte Gemeindehirt, es war der Pawlak Viez (Vinzenz), mit sämtlichen Vieh auch dieses Gebiet als Weide benützen. Nur eine Frau hatte täglich am Vormittag Zutritt zum Schießplatz. Es war die uns noch allen gut bekannte Zucker-Basel oder Zucker-Nana, von den alten Ansassen die Platzl-Tres (Theresia) genannt. Diese alte Frau war schon in ihren jungen Jahren bestrebt gewesen, die Soldaten während des Vormittags mit Gebäck und Süßigkeiten zu versorgen. Und so wie ich sie kannte, lief sie bestimmt von einer Abteilung zur anderen, bis ihr Vorrat verkauft war. Noch in ihrem hohen Alter bekräftigte sie schmunzelnd ihre damaligen Verkaufserfolge. „Alle Soldaten kannten mich und riefen mich auch mit dem Namen und ich hatte alle Soldaten gern“ sagte sie immer. Das war leicht zu verstehen, denn sie war ein lebensfreudiges und mit viel Humor ausgestattetes Wesen. Wenn ich diese Frau nicht aus meinem Gedächtnis entlassen soll, so muß ich bis in meine Kindheit zurückgreifen. Die Zucker-Nana, so wir Kinder sie nannten, ging in ihren letzten Jahren schon ziemlich gebeugt. Sonntag für Sonntag, gleich nach dem Essen, nahm sie ihre vollgepackten Handkörbe und ging rundum durch das ganze Dorf. Bei schönem Wetter saßen die meisten Frauen im Dorfe bei den Haustüren um zu plaudern. Die kleinen und kleinsten Kinder scharten sich um die Mütter. Sie zupften an ihren Schürzen und mit ihren fragenden Kinderaugen nach einer bestimmten Richtung deutend, fragten sie: „Mutta, wen wet den die Zucker-Nana kumma?“ Die Mütter antworteten: „Die wet schon kumma.“ Und sie kam auch bestimmt. Jede Mutter hatte einige Kreuzer für ihre Lieben übrig. Denn auch sie versuchten in dem Korb etwas für ihre Schleckermäulchen zu finden und war es auch nur ein „Mondplatzl“ für den hohlen Zahn.

Meine Lieben, dass ich ein „Pantschochascher“ war, das wisst ihr bestimmt und wir mussten am längsten warten, bis die Zucker-Nana im Dorf fertig war. Am späten Nachmittag standen wir alle schon an der Ecke vom Blanarsch bei der Bahn und an Kindern hat es in der Pantschocha wirklich nicht gefehlt. Nicht alle hatten einen Kreuzer, manche nur einen halben (also einen Heller) und viele nicht einmal diesen. Den Kreuzer oder Heller in der Hand schon ganz heiß und weich gedrückt warteten wir mit Sehnsucht auf den Augenblick, da die Zucker-Nana bei Steffes Eck erscheinen wird. Auf einmal ein Jubel und ein Geschrei: „Die Zucker-Nana kimmt, die Zucker-Nana kimmt!“ Und schon war sie und wir auf der Brücke. Das Warten hatte sich gelohnt, wir sprangen voll Freude, denn jetzt war der Augenblick gekommen, da der schon glühende Kreuzer in einen „Schpallek“ verwandelt werden konnte. Die Zucker-Nana stellte die Körbe zur Auswahl auf den Boden. Sie selbst musste sich fest hinstellen, sonst wäre sie durch unseren Eifer zu Fall gekommen. Viele Kinderaugen blickten jetzt in die Körbe hinein, um mit den Augen das größte Rum-Klötzl oder den größten Schpallek festzunageln. Die Kinder, die nur einen Heller oder gar keinen hatten, wollten auch dasselbe haben oder was halt noch da war. Alle bekamen etwas. Niemand ging leer aus, denn die Mütter beglichen dann die kleine Zeche. Der Höhepunkt des Kinderglücks war überschritten, ein jedes Kind hatte den Mund voll, das Zuckerl kam von einer Backe zur anderen, aber man musste sparsam genießen, denn gar schnell war so ein Zuckerl vernutschelt! Nun war wieder Ruhe in der Kinderschar eingekehrt und die Zucker-Nana nahm den Weg zur Pantschocha wo noch die Mütter beisammen saßen. Auch sie freuten sich über das Eintreffen der Platzl-Tres und die Körbe – freilich waren nur mehr einige Stücke drinnen – wurden vollends ausgeleert. Alle waren zufrieden und der Zufriedene war schon immer der Glücklichste. Wie oft hatte meine Mutter heimlich 2 bis 3 Schpalleks gekauft von denen sie einen in 4 bis 5 Teile zerhackte und verteilte und damit unsere Sonntagsfreude bis zum Schlafengehen verlängerte. Nun neigte sich die Sonne hinter den Goldberg und ein schöner, mit Freuden erfüllter Sonntag bescheidener Menschen war zu Ende.

Meine Lieben, die „Zucker-Nana“ ist nur ein kleiner Ausschnitt aus unseren Kinderjahren. Ich weiß bestimmt, dass sich noch viele erinnern können, wie damals so ein Rum-Klötzl geschmeckt hat.


8.Kapitel

Die in meinem letzten Brief der Olmützer Blätter abgebildete Ortskapelle war für die rein katholische und tiefgläubige Bevölkerung von Nimlau von größter Bedeutung. In dieser Kapelle hat sie ihre Fürbitten und Danksagungen zu Gott für die Erhaltung ihrer Habe sowie für das Wachsen und Gedeihen der Feldfrüchte zum Ausdruck bringen zu können. Seit ihrer Erbauung war sie immer der Mittelpunkt größerer Ereignisse oder Festlichkeiten, die doch zumeist mit einem Gottesdienst in der Ortskapelle eingeleitet wurden. Ich glaube kaum, dass es jemals noch eine solche Zeit geben wird, in der sich die dort heute lebenden Menschen mit Gott so verbunden fühlen und sich um die Kapelle so scharen werden, wie dies einst die deutschen Bewohner der Gemeinde getan haben. Über die Erbauung der Angerkapelle auf der einstmaligen Hutweide, am Rande des nach ihr benannten „Kapellweges“, über den Anlaß und den Zeitpunkt ist nichts bekannt. Die Pflege dieser Kapelle erfolgte früher durch die Gemeinde, wurde aber später von der Familie Mauritz Schenk, den Eltern des noch lebenden Gemeindevorstehers a. D. Richard Schenk, übernommen. Darüber hinaus fanden sich hierzu immer wieder weitere hilfsbereite und opferwillige Ortsbewohner, die ihre Leistung als Dankesschuld für den empfangenen Segen betrachteten.

Meine Lieben, wenn Ihr den Lauf des Jahres und den mit ihm einhergehenden Wandel der Farben betrachtet, so werdet Ihr gewiss das Bild des ziemlich weit vorangeschrittenen Herbstes wahrnehmen, raue Winde und die ersten Fröste haben alle Pracht und Herrlichkeit ein Ende bereitet. Die Worte eines uns gut bekannten Liedes sagen es uns ja:
„ Die Blaterln folln schun von die Bam, die Vogerln, die san staht. Der Wind hot oll´s groß und klan in die weite Welt zerstraht.“

In der Zeit des Blätterfalles, des Schweigens der Vogelwelt, der Nebel und der zunehmenden Dämmerung, des schmerzlichen Abschiedsnehmen und der Trauer, die uns gar oft überfällt, fallen die Gedenktage der Toten, die Feste Allerheiligen und Allerseelen, die uns veranlassen, uns im stillen Gebet zu vereinen. An diesen einzigen wie einzigartigen Gedenktagen vereinigten sich einem Bollwerk gleich die Gedanken aller Vertriebenen in den Friedhöfen der Heimat. Wieder werden unsere Tränen ungezählte Tausende von ungepflegten, hart gewordenen Grabhügeln, die ein kostbares Gefäß für unsere Eltern, Geschwister und Kinder geworden sind, erweichen.

Mir und euch allen ist es bestimmt nicht bekannt, wie die Gräber auf den Heimatfriedhöfen und die Kriegerdenkmäler aussehen, aber wir wollen uns das letzte Bild von den Festen Allerheiligen und Allerseelen noch aus der Zeit vor der Vertreibung vor die Augen führen. Alle, die in Gedanken die heimatlichen Friedhöfe und Totengedenkstätten betreten, werden von den Gefühlen der Verbundenheit mit unseren Toten mächtig bewegt. Wir sehen im Geiste noch die Gräber herrlich geschmückt und von unzähligen Kerzen und Öllämpchen beleuchtet und so sind unserer Herzen hier unsern lieben Toten in der Heimat ganz nahe!
Herr, lasse sie ruhen in Frieden!


9. Kapitel

Noch vor der Auflösung des Nimlauer Schießplatzes im Jahre 1892 wurde der im Jahre 1741 in den Nimlauer Alleinbesitz gelangte Hutweidenanteil im Jahre 1877 wegen des Aufkommens des Zückerrübenanbaues an 29 Bauern, 14 Gärtler und 39 Häusler aufgeteilt. Es erhielt davon ein Bauer 2 Joch 218 Klafter, ein Gärtler 1 Joch 1011 Klafter, ein Häusler 288 Klafter und ein jeder Ansasse konnte von da ab seine Felder nach seinem Ermessen bebauen. Hutweide und Schießplatz gerieten alsbald der Vergessenheit anheim, sie gehörten der Vergangenheit an.

Meine Lieben, wir wollen uns nun das Nimlauer Schulwesen vor Augen führen. Schon im Jahre 1736 hatte Nimlau seinen eigenen Schulmeister. Es gab damals noch keine Schulpflicht und war daher der Schulunterricht eine reine Privatangelegenheit. Es gingen deshalb auch nur solche Kinder zur Schule, deren Eltern gewillt waren, ihren Kindern eine bessere Laufbahn zu ermöglichen und die auch in der Lage waren, die damit verbundenen Unkosten zu bestreiten. Damals legte ein Bauer und alle auf dem Lande lebenden Menschen auf einen Schulunterricht keinen allzu großen Wert. Sie hielten es für wichtiger, dass ihre Nachkommen alle auf dem Lande und auf dem Felde vorkommenden Arbeiten, wie das Ackern, Säen, Hacken, Jäten, Mähen und Dreschen usw. voll und ganz beherrschten, nicht aber viel Lesen und Schreiben verstehen und damit die Erdäpfel, die Zwiebeln oder was sonst schon verkehrt, also mit dem Kopf nach unten in die Erde stecken und damit das Gedeihen der Frucht vereiteln. Das der Heiligen Schrift entnommene Leitwort des Bauern „bete und arbeite“ war klar und eindeutig. Bete und arbeite! Alles Tun und Handeln auf seinem Hofe wurde nach diesen drei Worten ausgerichtet. Liebesbriefe schrieb man damals noch nicht, es wäre ja auch viel zu umständlich gewesen. Die Alten werden bestimmt noch alles in Erinnerung haben und so manch schöner Traum wird sie in die allzu ungern vergessene Jugendzeit zurückführen, da noch die Burschen am Abend zu den Madeln in die dunkle Kammer schlichen, ihnen das Leid der Liebe offenbarten und ihnen alles ganz leise ins Ohr „hineingetschischpert“ haben. So war das anno dazumal in der guten alten Zeit.

Das erste Schulgebäude in Nimlau wurde im Jahre 1780 erbaut, es war das Haus Nr. 32. Ich glaube, es war das Haus welches zuletzt von Frau Usarsky und Andreas Stratil bewohnt wurde. Eine zweite Schule wurde im Jahre 1861 erbaut (Nr. 41). Dieses Haus wurde später geteilt und zuletzt von Adolf Hudeček sowie von Oberlehrer Alois Felkel bewohnt. Erst im Jahre 1876 wurde von der damaligen Gemeindevertretung, unter Aufnahme erheblicher Darlehen, das Gemeindehaus und das dritte und letzte Schulgebäude erbaut. Das Letztere war, ohne überhebliche Worte zu gebrauchen, eines der schönsten und stattlichsten im Olmützer Landbezirke. Wie ein Herrensitz aus neuester Zeit stand es da, eingebettet in der baumreichen Dorfflur inmitten seines immer so herrlich gepflegten Schulgartens. Ich glaube, wir alle, die diese Schule besucht, auch ihre Aufgaben und Belange erfüllt haben, unsere Muttersprache liebevoll pflegten, haben an sie schöne Erinnerungen behalten. Nicht nur wir Nimlauer waren stolz auf sie, nein, auch alle Fremden haben unseren berechtigten Stolz durch Lob und Anerkennung bekräftigt. Die durch den Uhrmacher Johann Klement und später durch dessen Vater Alois Klement immer im Stande gehaltene Schuluhr konnte von keinem Bewohner mehr entbehrt werden. Nicht nur Schülern und Lehrern, nein, auch allen Ansassen, insbesondere den auf dem Felde arbeitenden Landwirten, schlug sie laut vernehmlich und wohlklingend die Stunde. Wer pflegt sie heute? Und wer sind die Menschen, die ihre Stundenanzeige in Anspruch nehmen?

Meine Lieben, ich nehme an, dass auch sie die Meinung haben, dass die dort lebenden Menschen weder Ruhe noch Freude an allem dem, was wir zurücklassen mussten, finden werden. Unsere durch siebenhundert Jahre gesprochenen deutschen Worte, unsere Volkslieder und unsere Muttersprache haben sich bis in das Innere der Mauern eingetränkt und diese werden sie bis in fernste Zeit behalten. Gemeindehaus und Schule sollen jedem Menschen, der sie betritt, als mahnendes Vermächtnis deutscher Menschen erscheinen. Sie werden sie auch immer an ihre Raubgier und an unsere Austreibung erinnern.


10. Kapitel

Werfet einen kurzen Blick durch das Fenster und es werden viele von euch wahrnehmen, was sich in wenigen Tagen vollziehen wird. Nicht allen, aber einem Großteil der Leser war bestimmt schon das Glück und die Freude beschieden, den Einzug des Winters in seinem festlichen Gewand zu genießen, dort wo schon die Natur dem bevorstehenden Weihnachtsfest Glanz und Würde verliehen hat. Weihnachten, das Fest der Liebe, der Freude und des Friedens, wird wohl in der ganzen christlichen Welt aus dem gleichen Anlass gefeiert. Sitten und Bräuche um das Weihnachtsfest sind aber in jedem Landstrich anders. Wollen wir uns einmal das Fest, wie wir es nach unserem heimatlichen Brauch erlebt haben, vor Augen führen, als wir noch Kinder waren, oder als wir später selbst das „Christkind“ spielen durften.

Bei uns zu Hause war die Mutter die Trägerin des Geschehens im Hause und in der Familie und somit auch beim Weihnachtsfest. Wie wir alle wissen, gab es für sie dabei viel Arbeit und Vorbereitungen. Es wurde wochenlang gebacken, Seidenpapier zum Einpacken zugeschnitten, Nüsse vergoldet und Nägel hineingeschlagen, Äpfel und Pummerantschen mit Stielen versehen, kurz, alles zum Aufhängen vorbereitet. Der Baum wurde dann am Vorabend geschmückt, alle Bäckereien und Früchte aufgehängt, Kerzen und Sterndlspritzer befestigt. Am Morgen des Heiligen Abend wurde uns, altem Brauch zufolge, von der Mutter gesagt: „Heute ist Fasttag, wer das Goldene Lamm sehen will, darf nichts essen, sonst sieht er am Abend auf dem Dachfirst die Grindige Sau laufen.“

Am Spätnachmittag warteten schon die Kleinen und Kleinsten im Sonntagsgewand voller Ungeduld und hungrig auf die Ankunft des Christkindes. Bei Eintritt der Dunkelheit wurde es auf der Dorfgasse ganz still; es war auch an der Zeit, dass sich die Familie zum festlichen Mahl versammelte, auf welches sich wohl alle schon lange gefreut hatten. Es gab eingebrennte Nudelsuppe mit getrockneten Schwammerln, Kadlatkatunk und Röhrlabl oder eingebrennte Erdäpfelsuppe und Schwammerl, breite Nudeln mit Mohn, Zucker und Butter. Weiter ausgebackenen Karpfen, Nüsse mit Honig, Weihnachtsstriezel, hierzu Tee mit Rum. Auch die Tschipken (getrocknetes Obst) durften nicht fehlen. An die Tiere im Stall wurde auch gedacht. Sie bekamen mit Salz bestreute Brotschnitten, denn unser alter Volksglaube sagte uns, dass in dieser Nacht die Tiere sprechen und sich über die Hausfrau beklagen oder sie loben. Hernach war der „Erste Stern“ am Himmel erschienen, der die Ankunft des Christkindes anzeigte. Nun wurden wir Kinder auf den Hof geführt, um auf dem Dache das „Goldene Lamm“ zu sehen. Unterdessen wurde der Christbaum in der Stube aufgestellt, die Kerzen angezündet und die Kinder hereingerufen. Alles eilte in die Stube und beim Anblick des Lichterbaumes und der Geschenke war die Freude für alle, ob groß oder klein, unermesslich. Ausgebreitet lagen Pudelmütz, Handschken, Schleifeisen, Schal, Socken, Schuhe „Puckeltasch“. Alles erdenklich Brauchbare für die Winterzeit war da! Es wurde gegessen und getrunken, was Platz hatte, auch wiederholt das Weihnachtslied „Stille Nacht, heilige Nacht“ gesungen. Nach zwei bis drei freudigen und glücklichen Stunden fiel den Kindern der Schlaf in die Augen. Die Festfreude beschäftigte sie in Träumen bis zum Morgengrauen. Erst jetzt war das festlichste aller Feste zu Ende und wer will es bestreiten, dass wir Erwachsenen uns am Heiligen Abend genau so freuten wie die Kinder!

Wie war das Schicksal unbarmherzig mit uns erst hier zu Großeltern gewordenen Vertriebenen! Man zerstreute uns in alle Windrichtungen, dass wir meist kaum in der Lage sind, am Weihnachtsfest an den Freuden unserer Kinder und Enkel teilzunehmen. So muss ich mich mit meiner Familie begnügen, euch allen ein recht freudiges Weihnachtsfest und ein segensreiches neues Jahr zu wünschen
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11. Kapitel

Aller Sang und Klang vom Weihnachtsfest ist verklungen, aber bevor wir das alte Jahr beschließen, sehe ich mich veranlasst im Namen aller Landsleute aus Nimlau derer zu gedenken, die im vergangenen Jahr für immer aus unseren Reihen geschieden sind. Wir sind bereit, den trauernden Hinterbliebenen durch tröstende Worte einen Teil ihres Leides tragen zu helfen. Freud und Leid schreiten gemeinsam mit uns den uns vom Schicksal gezeichneten Weg einher und keiner von uns allen ist in der Lage zu wissen, was ihm in diesem Jahr beschieden sein wird.

Ich habe heute die Absicht, vor allem die alten Ansassen von Nimlau anzusprechen und sie zu bitten, allen Schmerz und alles Leid für eine kurze Zeit zu vergessen. Ich würde mir und bestimmt auch euch allen wehe tun, so weiter zu schreiben ohne den Winter und den Fasching aus längst vergessener Zeit zu erwähnen. Nach der Arbeit ist gut ruhen, daher war auch schon damals der Winter und der Fasching herzlich willkommen, beide haben auch einen mit viel Freude und Fröhlichkeit bekränzten Platz vorgefunden. Die Menschen sind heute und waren auch schon damals verschiedener Natur: „Es gibt solche und solche, aber mehr solche als solche.“ Die zum überwiegenden Teil lebensfrohe Bevölkerung von Nimlau durfte daher die kurze „Schnaufpause“, den Winter und den Fasching, mit viel Ausgelassenheit und Frohsinn genießen. Sie war immer bereit, einen schlechten Tag durch einen fröhlichen Abend auszugleichen, denn die arbeitsfrohen Menschen waren schon während des Sommers darauf bedacht, jedem auch noch so strengen Winter ohne Furcht zu begegnen zu können.

So wurde auch fast in jedem Haushalt eine Sau zu Tode gefüttert. Nicht nur der Bauer, sondern auch alle im Freien arbeitenden Berufe hatten über die kalte Zeit ihre Arbeit eingestellt. Da hatten sie die Zeit und Gelegenheit, in der warmen Küche auf der Ofenbank, den Blick auf die mit Eisblumen geschmückten Fensterscheiben gerichtet, die Ohren aber voller Zufriedenheit und mit freundlichem Schmunzeln dem Prasseln der im Ofenrohr befindlichen Leber- und Graupenwürste zugewandt, in aller Gemütlichkeit auszuruhen. Meine Lieben, ich kann jetzt nicht leugnen, dass mir geradezu das Wasser im Munde zusammenläuft, sehe ich doch im Geiste einen Topf voll Sauerkraut und ein „Kastrol“ schön knusprig „gepranzelter“ Würste vor mir; Kinder, das war ein Gedicht!

Im Bauernhof hatte sich für den Winter einige Arbeit angehäuft, es musste Korn mit dem Flegel gedroschen werden und der Knecht war nachher bemüht, die Garbenbänder für die nächste Ernte herzustellen sowie alle Feldgeräte instand zu setzen. Die Bäuerin mit dem Dienstmädchen war mit dem Ausbessern der Säcke und Grastücher beschäftigt, aber das Federschleißen war wohl ihre beliebteste Winterarbeit. Da fanden sich zumeist immer unsere Frauen jeweils in einem Hause ein und gaben zur Freude des Tages dabei die Sünden ihrer Jugendjahre preis. Da wurde gelacht, dass die Wände nur so wackelten und die Federn in der ganzen Küche herumflogen. Ganz ruhig wurden aber die Frauen und Mädchen, wenn die Bäuerin von den vielen bösen Geistern erzählte, die sich früher im Dorf herumgetrieben hatten, oft den Frauen, die schon in der Nacht mit einem Korb voll Grünzeug nach Olmütz gehen mussten, sich auf den Buckel hockten und sich von ihnen ein gutes Stück Weges tragen ließen. Früher mussten auch die Männer, mit einem festen Stock ausgerüstet, die Frauen nach Hause bringen.

Auch die Kunstfertigkeit so vieler Nimlauer hatte angenehme Seiten und brachte allerhand Nutzen: Die Männer hatten den Korbflechtern so viel abgeschaut, dass sie, soweit Weidenruten aufzutreiben waren, die schadhaften Körbe ausbessern und neue Körbe herstellen konnten. Vom Samstagmorgen angefangen waren die Frauen mit dem Herrichten und Bügeln der Ballkleider beschäftigt. Nicht leicht war es, die vielen gestärkten Unterröcke so kunstgerecht zu bügeln, auf dass das Rauschen der Kleider mit den Walzermelodien in Einklang gebracht werden könne.


12. Kapitel

Es würde mich wirklich erfreuen, wenn es mir gelingen würde, in euch die Erinnerung an einige schöne Stunden wachzurufen. Es ist Faschingszeit und so wollen wir diesmal einen Ball besuchen, wie er so etwa vor 50 Jahren bei uns in Nimlau stattgefunden hat und uns seinen Verlauf vor Augen führen.

Schon die Kleidung, Kostümierung und die in ihr verhüllten lebensfreudigen Menschen waren eine Augenweide. Die Männer im dunklen Anzug, einer steifen Hemdbrust, einem hohen steifen Kragen – bei vielen war der Hals dafür viel zu kurz -, Ansteckmanschetten und Lackstiefeletten. Die Frauen hatten reich mit Spitzen verzierte Wäsche und über die Knie hinausragende Hosen, drei bis vier gestärkte Unterröcke, ein fest geschnürtes Mieder, ein buntes Kleid, schicke Schuhe und in der Hand einen Fächer. Die Veteranen, die Feuerwehr und zum Teil auch die Bauern trugen Uniform; die „Petersel-Männer“ waren damals noch nicht uniformiert.

Mit dem Walzer „Hereinspaziert!“ wurde der Ball eröffnet. In dem nicht allzugroßem Saal herrschte bald ein buntes Treiben. Die im Saal noch vorhandene kalte Luft wurde durch das Einnehmen von einigen „Allasch mit Rum“ durch die Herren und ein paar „Glühwürmchen“ durch die Frauen bald erwärmt und damit der Grundstein zur richtigen Stimmung gelegt. Die abwechselnd gespielten Walzer und Polkas und das Rauschen der gestärkten Damenkleider wirkte auf die Ballgäste: Die Stimmung stieg bis zur Mitternacht immer mehr, die Frauen begannen leicht zu juchzen. Damenwahl, Ordenwalzer, ertönt es durch den Saal. Im nu waren die Herren mit Orden aller Größen und bunten Bändern behängt und nicht nur die eigene Frau, auch so manche „alte Liebe“ hat sich an dieser Dekoration beteiligt. Stolz wie die Feldherren, die Brust mit Orden behängt, schwebten sie, ihre Tänzerin fest umschlungen, den Walzermelodien folgend, durch den Saal. Der darauf folgende „Sträußchen-Walzer“ für die Frauen ergab dasselbe Bild; hier mussten die Herren Farbe bekennen, sie hefteten auch so mancher Jugendliebe mit ein paar lieben Worten ein Sträußchen an die Brust und dabei hat man gemerkt, wo einmal der „Pfeffer gewachsen war“. Durch den ausgedehnten Ländler erhitzen sich nun Körper und Gemüter. Die Herren legten den Kragen, die Hemdbrust und die Manschetten ab, die Frauen lockerten ihre Mieder und konnten kräftiger als zuvor juchzen. Zwar haben ein nachfolgender Schottisch, einige Polkas und ein „Tititi“ die Ballgäste zu einer Ruhepause gezwungen, aber es gab damals ganz unermüdliche Frauen wie z. B. die König-Basel, denn sie tanzte so lange, bis nur ein einziger Musikant einen Ton von sich gab. Sie tanzte, juchzte und johlte wie ein „Lump am Stecken“. Der Herrgott möge solchen lebensfreudigen Menschen Gesundheit und ein langes Leben schenken! Zum Beschluß des Balls wurde noch der Polstertanz ausgeführt, aber den wollen wir uns nächstes Jahr aufspielen lassen.

In der Fosching kimmt holt ollerhond vor, es wird gejuxt gejolt und gelocht, getonzt, geschnapselt und a geschmust und wos mon holt mocht in der Nocht.
Freind, hörst du amol irgendwo lochen und singen so voller freid, do brauchst dich gor net zu wundern, dos sein dem Herrgott sei Leit.
Willst du dich mit denen befreinden, dann setz dich gefälligst schön hin, sing mit und loch aus vollem Herzen, dos ist bestimmt Medizin!
Wenn der Hergott dort oben so lächelt und zwischendurch auch amol locht, Leitln, tuts den Mon nur net stören, der weiß bestimmt wos er mocht!
Er hot uns doch olle erschoffen und schickte uns doher auf die Welt, dos ane konn ich ihm nie vergessen, gonz nocket und ohne Kreizer Geld.
Erhebet die Gläser ihr Lieben und trinket auf Glück und Gedeih!
Mit Bestimmtheit konn ich eich heit schon sogen: In fünfzig Johren ist olles vorbei.
Bin ich amol im Himmel und schau herunter aufs Lond, vom Herzen möchte ich eich schen bitten, mocht uns ollen do unten nur ka Schond!
Wär mir dos Glück noch beschieden und bliebe weiter gesund so wie heit, so hören wir uns im nächsten Monat wieder genau um dieselbe Zeit.


13. Kapitel

In der vorösterlichen Zeit, in der wir uns soeben befinden, werden die Älteren und viele schon zu Großmutter gewordenen Mädchen von damals einen alten heimatlichen Brauch vermissen. Es war der in ganz Olmütz-Land und auch noch weit darüber hinaus bekannte Maisonntag-Brauch am dritten Sonntag vor Ostern. Zwar war er nur für Mädchen da, denn die Buben hatten ihren Brauch, das „Schmeckostern“, am Ostermontag.

Das Symbol des Putmaiersonntags war bei uns in der Heimat der sogenannte „Putmaier“, ein ungefähr 70 Zentimeter hohes Fichtenbäumchen, an dessen unteren abgeschälten Ende die Äste entfernt worden waren und dessen oberste Äste mit einer Schnur hochgebunden und mit bunten Papierstreifen geschmückt waren. In der Krone war eine kleine Puppe, das Kleidchen aus buntem Papier oder buntem Stoff gefertigt, eingebaut. Zumeist schon 14 Tage vorher erschienen im Dorfe Frauen aus der Gegend vom Heiligenberg und verkauften diese Putmaier an die Mütter des Dorfes. Ging man auch am Vortage des Festes durch das Dorf, verriet es der Putmeier im Fenster, wo ein Mädchen im Hause war.

Während an besagtem Sonntage die Hausfrauen und Mütter der Hl. Messe in der Pfarrkirche zu Schnobolin beiwohnten, versammelten sich die Mädchen, mit dem Putmaier, einem Körbchen oder einer Tasche ausgerüstet, vor dem Hause des Herrn Eduard Melzer (früher Andreas Strnisko, Gemeindevorsteher). Nicht immer begleitete die Sonne die Mädchenschar, gar oft war es kalt und regnerisch, aber niemals ließ sie sich die Freude an dem Brauche nehmen. Die vom Kirchgang heimkehrenden Mütter wurden hier mit großer Fröhlichkeit begrüßt und mit folgendem Liede angesungen.

„In Gottes Namen fangen wir an und singen die schöne Frau Wirtin an.
Wir singen in dieser Maieszeit, die Jesu, der Herr, in der Schrift verleiht.
Maria hat ihren Sohn verloren, sie sucht ihn mit Weinen und heiligem Zorn.
Sie sucht ihn in der Judenschul, dort saß er auf des Meisterleins Stuhl.“


Hierauf begann der Rundgang durch das Dorf. Vor jedem Hause wurde angestimmt:

„Kleine Fischlein, kleine Fischlein, schwimmen in den Teichen,
Rote Rosen, rote Rosen wachsen auf den Sträuchen.
Der Herr ist schön, der Herr ist schön, die Frau ist wie ein Engel....“

In diesem Augenblick erschien die Hausfrau in der Haustür mit einer großen Schüssel selbstgefertigter Bäckereien und verteilte sie unter den Mädchen. Deren herzliches „Vergelt´s Gott!“ empfanden sie als einen Segen Gottes für alle ihre Lieben und den ganzen Hof. Die Mädchen gingen so zum nächsten und weiter zum übernächsten Haus und so ging es durch das ganze Dorf. Nicht nur die beschenkten Kinder waren freudig gestimmt, auch die gutherzigen und gebefreudigen Hausfrauen gerührt und glücklich. Herr Zbitek und Herr Oberlehrer Alois Felkl taten noch ein übriges, indem sie die Mädchen in die Wohnung baten und einem jeden von ihnen einen Kreuzer verehrten. Da sich an diesem Brauchtume bzw. an dieser Geberei nur die Bauern und Gärtler beteiligten, nahm der Rundgang beim Gasthaus Matschak sein Ende.

So ging jetzt jedes Mädchen, die kleineren von ihrer älteren Schwester oder ihrem älteren Bruder an der Hand geführt, dem Elternhaus zu. Ihr werdet lachen, aber es war einmal so. Auch ich habe meine um sieben Jahre jüngere Schwester an der Hand geführt und es hat sich gelohnt, wenn ich mit ihr so als letzter dahergewackelt kam. Durfte ich auch die Hand hinhalten und ging somit nie leer aus.

Nach dem Mittagessen wurden die Mädchen frisch aufgeputzt, denn sie gingen jetzt zur Tante, Taufpatin oder zu einer anderen lieben Verwandten, um hier erst die eigentliche Beschenkung zum Putmaeir-Sonntag entgegenzunehmen. Puppen, Bälle, Kleidchen und so manches, was ein Mädchenherz glücklich macht nahmen sie glückselig entgegen. Obwohl die Buben nur Zuschauer waren, konnten sie doch von ihren Schwestern Bäckerei bis zu Ostermontag „ausleihen.“ Die geschwisterliche Liebe war eben stärker als jeder Schwur und geteilte Freud war doppelte Freud. So endete damals der schöne Putmaier-Sonntag; einen solchen werden unsere Enkel kaum noch erleben.


14. Kapitel

Durch die immer wärmer werdenden Sonnenstrahlen wurden daheim alle Pforten und Menschenherzen geöffnet , nicht nur wir Menschen, alles Wesen auf Erden wurde aus seinem Schlummer erweckt, die Marchebene wurde wieder grün, die heimischen Singvögel kehrten wieder zurück in das Land und stiegen hoch in die Lüfte, um singend Gott für die wohltuende Wärme zu danken. Da war wieder die Zeit gekommen, in der die Jugend durch die warme Sonne zum Spiele im Freien verlockt wurde und bald standen die Osterfeiertage mit ihren Freuden für groß und klein vor der Tür. Die Knaben sind bestimmt dabei gewesen, ihre Klappern und Schnarren instand zu setzen oder gar durch neue zu ersetzen, denn am Gründonnerstagfrüh wurden während der Messe die Glocken gebunden und das Morgen-, Mittag- und Abendläuten durch das „Klappern“ ersetzt. Um einhalb zwölf Uhr versammelten sich die Buben mit einer Klapper oder „Schnarr“ vor der Ortskapelle. Der ganze „Vorgang“ wurde durch einen oder zwei Buben, die gut gebetskundig waren - zur damaligen Zeit waren es die Buben des Schneidermeisters Otto Hirschel – geleitet. Zu Beginn wurde ein Vaterunser oder der „Engel des Herrn“ gebetet und dann gingen die Buben dreimal um die Ortskapelle und dann zu zweien, schön in Ordnung, durch das Dorf. Das Klappern wurde durch eine übergroße, einer „Tragatsch“ nicht unähnliche Schnarre im Takt gehalten: Es ging im Takte 1, 2, 3, 3, 3. Dieser Umgang hat sich noch abends und am Karfreitag viermal wiederholt. Am Karfreitag, nachmittags beim „Drei-Uhr-Läuten“, dehnte sich der Umgang erheblich aus: Die Klapperer gingen geschlossen zum „Fieber-Bründel“, es befand sich am Nordhang von „Schaffers Wiesen“. Es war eine Quelle, dahinter stand ein kleines Bildstöckl oder Marterl und rechts sowie links davon ein großer Maulbeerbaum, wohl der letzte in der Dorfflur. Hier wurde andächtig ein Vaterunser gebetet und es ging weiter zur „Angerkapelle“. Hier erfolgte der gleiche Vorgang. In das Innere der Kapelle blickend, konnte man am Altar das Grab und den toten Heiland sehen. Sodann gingen die Buben nach Hause. Nach einer kurzen Pause mussten sie wieder erscheinen. Da sie für das Klappern belohnt werden sollten, gingen sie an diesem Abend etwas früher um und erhielten von jedem Haushalt im Dorf einige Kreuzer und auch die Gemeindevertretung spendete dazu eine Summe. Nach dem Rundgang wurde der Erlös je nach Beteiligung aufgeteilt, zumal am Freitag- und am Samstagmorgen die Kleineren in den Betten bleiben durften. Aus der eigenen Erfahrung kann ich sagen, dass am Karfreitagabend viele von ihnen beim Schlafengehen Klapper und Kreuzer in der Hand behielten und den schönen Brauch im Traum genossen.

Die Mütter besuchten mit den ganz Kleinen, festlich gekleidet, das Heilige Grab in der Pfarrkirchen zu Schnobolin. Ein schöner, erhebender Grabbesuch, den bestimmt noch die ehemaligen Pfarrkinder in der Erinnerung haben werden. Die alten Veteranen von Nimlau hielten hier die Grabeswache! Auch durften hier die Kinder ein gefärbtes Ei der Opferschale entnehmen, dass die Mütter zuvor heimlich hineingelegt hatten. Die Burschen und Mädchen gingen am Nachmittag des Karfreitags zum Besuch der Heiligen Gräber in den vielen, großen und prächtigen Kirchen von Olmütz und brachten von dort unvergessliche Eindrücke nach Hause. Ostern in Olmütz waren nicht weniger festlich und feierlich als die Ostern in Rom!


15. Kapitel

In den Berichten der letzten Monate bin ich von meinem Hauptthema etwas abgewichen und sehe mich daher bewogen, wieder einen Schritt rückwärts zu tun: Die Gemeinde Nimlau und ihre alteingessene Bevölkerung durfte sich in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts im Jahre 1872, noch vor dem Gemeindehaus- und Schulhausbau, eines weiteren größeren Bauvorhabens erfreuen. Es war dies der Bau der Bahnlinie Olmütz über Proßnitz nach Nezamyslitz, des Anschlusses an die Bahnlinie Prerau-Brünn. Sie gehörte zum Netz der „Kaiser-Ferdinand-Nordbahn.“

Die Bahnlinie, die zwischen Gießhübel und Nimlau längs des Dorfes hinter den Scheuern erbaut wurde, hat durch einen bis zu 8 Meter tiefen Einschnitt die nachher außerhalb des Dorfes stehenden 7 Häuser (die „ Pantschocha“ genannt) von der Gemeinde abgetrennt, auf der Westseite alle Felder und die aus dem Dorfe führenden Wege und Straßen durchschnitten.

Durch den Bahnbau musste auch der nördlichste Teil des Dorfes zum Leidwesen aller Bauern und der sich mit der Landwirtschaft beschäftigten Bewohner beider Gemeinden eine Änderung der Verbindungen erfahren. Die alte Bezirksstraße, die vor dem Bau der Bahn vom Eck Franz Pawlak und vom Garten des Adolf Strnisko unmittelbar an der nach dem Ausgang des 1. Weltkrieges erbauten tschechischen Volksschule vorbei und da ganz nahe am derzeitigen Bahnkörper und an der noch vom Schwedenkrieg herstammenden Martersäule vorbei nach Gießhübel und weiter nach Olmütz führte, wurde über die auf dem höchsten Punkt des Dorfes neu erbaute Überführungs-Bahnbrücke umgeleitet. Auch der nach den bewussten 7 Häusern benannte „Pantschocha-Weg“, der von demselben Ausgangspunkt, also vom Franz Pawlak und vom Garten des Hubert Steffe gerade aus an der Pantschocha vorbei zu den „Oberen Feldern“ und zum „Goldberg“ führte, wurde auch an die neue, über die Überführungs-Bahnbrücke führende Straße angeschlossen. Durch den Bau der Brücke erhielt die von beiden Seiten zu ihr hinauf führende Straße eine erhebliche Steigung, welche von allen Bauern, die doch die ganze Last ihrer Feldfrüchte über die Brücke führen mussten, als eine Beschwerung empfunden wurde. Aber ihre Söhne und Töchter waren anderer Meinung, sie haben dieses neu erstandene herrliche ruhige Plätzchen als ein Geschenk des Himmels empfunden: Es wurde ein Treffpunkt liebender Menschen bis in unsere Zeit. Wenn sich zwei ärgern, freut sich der Dritte!

Die in nächster Nähe der Brücke erbaute Personenhaltestelle wurde von der damaligen, fast ausschließlich in der Landwirtschaft beschäftigten Bevölkerung beider Gemeinden nicht sehr benützt, die damals noch an Zahl geringen Bauarbeiter gingen wie seit altersher gewohnt und nicht zuletzt des ersparenden Fahrpreises wegen zu Fuß zur Arbeit nach Olmütz. Erst nach der Jahrhundertwende und noch mehr nach dem 1. Weltkrieg hat die rapid zunehmende Bevölkerung und die aus ihr hervorgegangenen Professionisten die Vorteile der Bahnfahrt erkannt. Die Bahnhaltestelle wurde aber später zum Verhängnis der Nimlauer. Darüber werden wir uns noch später unterhalten! Das auf der gegenüberliegenden Seite erbaute Verladegeleise, ganz nahe an der Ziegelei der Stadt Olmütz, in Gießhübel, wurde zumeist von der Ziegelwerksverwaltung zur Anfuhr der Kohle und Abfuhr der gebrannten Ziegel benützt. Die Gemeinden Nimlau und Gießhübel haben es nur ab und zu beim Bezuge von Holz und Kohle sowie Rübenschnitzel und auch zur Verladung von Häuptelkraut und Zuckerrüben in Anspruch genommen.

Etwas, was nur noch wenige Nimlauer wissen werden: Noch vor dem 1. Weltkrieg hatte sich die Hatscheiner Zuckerfabrik (Friedrich und Franz May, protokolllierte Firma „Gebrüder A.&H.May“) an dem Anbau der Zuckerrübe in Nimlau stark interessiert. Sie stand damals in Verhandlungen mit der Gemeinde, auf den zum Teil von ihr angekauften Feldern hinter Fanni Zankel ein Verladegeleise zu erbauen, wo die für die Hatscheiner Zuckerfabrik bestimmten Zuckerüben hätten verladen werden können. Es wäre dies ein ungeheurer Vorteil für die Nimlauer Rübenanbauer gewesen – auch eine eigene Ziegelei in der „Lehmgrube“ war projektiert gewesen – aber einige an der landwirtschaftlichen Zuckerfabrik in Holitz beteiligte Bauern sowie einige Anhänger dieser Fabrik vereitelten den Plan des anderen „Lagers“, welche allein den durch die Bahn-Überführung auf der Gemeinde lastenden „Fluch“ zum Wohle der ganzen Gemeinde hätte bannen können.


16. Kapitel

Wollen wir doch noch allerhand erdenkliche Hinterlassenschaften unserer Vorfahren in unser Gedächtnis zurückrufen: Die auf der Westseite des Dorfes vorhandenen Lehmgruben stammen noch zum Teil aus der Zeit der Ortsgründung vor achthundert Jahren. Bei der Erbauung der Häuser, die zu den damaligen Zeiten nur aus Lehm gefertigt wurden, hatte sich die Tonerde des von Nord nach Süd sich hinziehenden Lössrückens am besten bewährt. Als erste entstand damals die große Lehmgrube, die uns für immer unter dem Namen „Akazienhain“ in Erinnerung verbleiben wird. Eine zweite, vielleicht noch größere Lehmgrube entstand ebenfalls in damaliger Zeit auf dem Grundbesitz des domkapitularischen Meierhofes, der sich bis an die Grenze von Koschuschan erstreckte, später am Artillerieschießplatz als Kugelfang diente und den Namen „Kugelberg“ erhielt.

Auch die vier Hohlwege, die noch bis in unsere Zeit befahren wurden, stammten aus ältester Zeit. Sie waren erforderlich, damit man mit möglichst geringer Steigung zu den „Oberen Feldern“ gelangen konnte. Der aus dem Mittel- und Niederort durch das „Gassl“ führende Weg teilte sich unmittelbar hinter dem damals noch nicht vorhandenem Bahnübergang (Schranken) in zwei Teile: Der eine, von hier aus schräg auslaufende, „Busch- oder Püschlweg“ durchschnitt „die Bergln“ und führte – in letzter Zeit noch erkennbar – neben dem von uns noch benutzen Gehsteig zum „Federweg“. Der zweite, nach links führende, bis zu zehn Meter tiefe „Blatzer Weg“ verlief über den „Böhmischen Berg“ zu den „Zuluss-Feldern“. Dieser Hohlweg war an beiden Hängen stark mit Sträuchern bewachsen und bis in unserer Zeit für leichtes Fuhrwerk benützbar geblieben. Auch der aus dem Oberort kommende und zwischen Pawlak Franz und Steffe Hubert herausführende Weg teilte sich auch in zwei Teile: Der eine, in der letzten Zeit noch gut erkennbare Weg, der sogenannte „Holeier Weg“ führte wie die vorgenannten Wege schräg aufwärts bis an „die langen Gewanden“ und führte von da aus, ein klein wenig nach rechts abbiegend, in der Richtung „Marterl“ und nach Nedweis. Der andere, bis zu acht Meter tiefe, auf beiden Hängen mit Sträuchern bewachsene Weg, der „Pantschocha-Weg“, führte durch ein schönes Flecken Erde vorbei an den „Oberen Lusen“ zum „Goldberg“.

Durch die Abgrabungen der angrenzenden Felder von Seiten des Ziegelwerks war die Fahrrinne kaum noch erkennbar geworden. Gegen Ende der 1800siebziger Jahre kam die Nimlauer Gemeindevertretung zur Einsicht, dass die vier Hohlwege für den immer stärker werdenden Anbau auf den „Oberen Feldern“ (das waren die „Oberen-, Mittleren- und Niederen Lussen“, die „Goldenen Berge“ und die Flur „Hinter der Alten Straßen“) nicht mehr genügten, dem auf der schmalen, langen und unübersichtlichen Wegsohle konnte immer nur ein Fuhrwerk fahren. Zwar war in der Mitte eines jeden Weges eine kleine Ausweiche, aber trotzdem war es oft vorgekommen, dass sich zwei schwerbeladene Wagen gegenüberstanden und der von unten kommende nach rückwärts „zauchen“ musste. Meist war ein tüchtiger Verdruss die Folge. Es wurde daher der neue Breite Weg angelegt und mit dem gewonnenen Erdreich dieser Weg auf einem Damm über die Lehmgrube weitergeführt. An den Wegrändern und Hängen wurden Kirschen und Akazien angepflanzt und so entstand unser schöner Festplatz „Akazienhain“. Gleichzeitig wurde die Lehmgewinnung in dessen Umgebung eingestellt.

Es wurden zwei neue Lehmgruben eröffnet, für den Oberort gleich hinter der Pantschocha, für den Mittel- und Niederort neben dem neu angelegten Breiten Weg, wodurch der Holeier- und Püschlweg abgegraben werden musste und zum Teil nicht mehr erkenntlich waren. Eine noch in Benützung stehende Lehmgrube älterer Herkunft unterhalb der Felder „Krügerpüschl“ (Kriegau, Grügau) will ich nicht unerwähnt lassen.

Die in den Weghängen des Lössrückens sowie am Kugelberg lebenden Höhlhasen (Feldkaninchen) richteten zwar genug Schaden an, aber ihr Dasein verschaffte unseren Jägern am frühen Morgen oder am späten Abend ein Jagdvergnügen. Es wuchsen hier zur Freude der Jugend und der Hausfrauen Erdbeeren, Brombeeren, Haselnüsse und Hagebutten, nicht zu vergessen die Akazienblüten, die ausgebacken wurden. Schließlich spendeten die Akazien im Sommer einen wohltuenden Schatten.


17. Kapitel

Wollen wir wieder eine kurze Zeit außerhalb des Dorfes und die wohl größte Lehmgrube in unserem Bereich betrachten. Es ist das Ziegelwerk. Ich habe schon einmal kurz erwähnt, dass es Eigentum der Stadt Olmütz war. Der dazugehörige ausgedehnte Grundbesitz wurde vor ungefähr 200 Jahren durch Zukauf von Bauernland geschaffen, ein Ringofen und die dazu erforderlichen Gebäude erbaut und alles das der Gemeinde Gießhübel, nachdem dieselbe im Jahre 1877 von der Gemeinde Nimlau wieder losgelöst worden war, zugeschlagen.

Im Urbar des Jahres 1726 ist wörtlich zu lesen: „Unweit diesem Dorf ist auch eine obrichkeitliche Ziegelscheun, welche vor urdenklichen Jahren dahin gebaut worden und steht diese mehr gegen die Nimlauer als Gießhübler Seiten.“

Gießhübel von 1849 bis 1877 mit Nimlau eine politische Gemeinde.


Ein großer Teil dieses Grundbesitzes grenzte bis an den Garten des Adolf Strnisko. Dieses Feld wurde beim Bau der Bahn im Jahre 1870 vom Werk abgeschnitten, dem Nimlauer Katastralgebiet einverleibt und kam den tschechischen Machthabern in die Hände gefallenen Stadt Olmütz nach dem ersten Weltkrieg zugute, denn auf diesem Gebiet wurde auf Grund des Tschechisierungsprogramms eine tschechische Schule und eine tschechische Siedlung – im Volksmund Brutanstalt genannt – erbaut, welche damit der Gemeinde zur Last fielen. Dieses Geschehnis wurde unserem Dorfe zum Verhängnis.

Wenn ich heute auf die Vorkommnisse in der Ziegelei eingehe, so nur deshalb, weil ich und alle in der Pantschocha aufgewachsenen Dorfbewohner mit den Ziegelarbeitern von damals eng verbunden waren. Alles Tun und Lassen in der Ziegelei geschah ja doch unmittelbar vor unseren Augen. Greifen jetzt meine Gedanken bis in die Kindheit zurück, so sehe ich ein ganz anderes Bild vor mir, als jenes, das wir im Jahre 1946 beim Verlassen unserer Heimat gesehen haben. Schon die Namen der dort Beschäftigten bewiesen es, dass sie deutscher Abstammung waren, wie zum Beispiel die Gehr, Grund, Reichl, Rotter, Ulrich u. a. m. Ein großer Teil von diesen hat später das Werk verlassen und sie wurden nach 1918 durch Tschechen ersetzt. Die Ziegelei wurde schon beim Ausbau der Stadt Olmütz zur Festung (Mitte des 18. Jahrhunderts) und bei der Erbauung des Lagerforts auf dem Goldberg sehr in Anspruch genommen, noch mehr aber bei der in den 1880er Jahren einsetzenden und nie mehr abreißenden Stadterweiterung. Nach der Jahrhundertwende begann erst ihre richtige Glanzeit. Der Bedarf an Ziegeln wurde damals riesengroß. Es wurden im Jahresdurchschnitt 4 Millionen Ziegel hergestellt und die hierzu erforderliche Lehmmenge betrug 16.000 Kubikmeter. Sie war bald erschöpft und die Stadtgemeinde Olmütz sah sich damals gezwungen, durch überhöhte Kaufangebote die nahe gelegenen Felder „Auf den Lagern“ den Nimlauer Bauern abzuhandeln. Das gelang ihr auch teilweise. Der damals noch junge Bauer Richard Kluger aus Nimlau war der Mann, der sich trotz dem verlockenden Angebote nicht verleiten ließ, sein Feld, den „Langen Berg“, das ganz nahe der Pantschocha-Grenze lag, zu verkaufen. Ja, zum Trotz bepflanzte er das ganze Feld mit Obstbäumen. Wären alle Bauern damals so standfest geblieben, wäre uns später viel Verdruß erspart geblieben.

Das Abschachten des neu erworbenen Gebietes links vom Pantschocha-Weg nahm bald großen Umfang an und das Bild veränderte sich von Jahr zu Jahr. Die Zufuhr des Rohmaterials zur Lehmgrube erfolgte damals durch den Italiener Costa mittels Einspänner-Kippwagen, auch wurden während der Winterszeit alle verfügbaren Arbeitskräfte, Männer und Frauen, für die Zubringung auf Schubkarren (Scheibtrugeln) eingesetzt. Nach einigen Jahren war von dem bis zu 8 Meter tiefen, von der Pantschocha zum Goldberg führenden Hohlweg nur noch der obere Ausgang und die Fahrrinne erkennbar. Alle Herrlichkeit, welche dieser mit den verschiedenen Sträuchern bewachsene Hohlweg bot, war dahin. Dahin das Vogelparadies, die Freude für die Jugend, die Wonne Erholung suchender Spaziergänger!

Nach dem Kriege verließ der Frächter Costa das Werk und zog mit seiner Familie in seine italienische Heimat. Der Lehm, der schon von sehr weit anzufahren war, wurde mittels Feldbahngeleisen und eisernen Kippwagen (Loren) durchgeführt. Das ganze Gebiet beiderseits des Pantschocha-Weges hatte eine große Veränderung erfahren, Aus dem schönen, ertragreichen Ackerland ergab sich nach der in einer Stärke von 10 Metern durchgeführte Abschachtung eine tief gelegene Sandwüste. Da der Sand für die Ziegelherstellung nicht mehr geeignet war, wurde das so rechts des Weges entstandene Brachland mit Kiefersetzlingen bepflanzt, die einmal einen Wald ergeben sollten.

Das Ziegelschlagen war für jeden Menschen, der oben unbeteiligt auf der Straße einherschritt, ein „schönes Spiel“, aber es war im Grunde ziemlich schwer, besonders für den Mann, der den „Teig“ herstellen musste. Auch wir Kinder aus der Pantschocha haben beim Aufstellen und Einräumen der Ziegel einige Kreuzer für das „Birnegassl“ und für das Schulfest verdient. In unserer Kindheit waren hier noch schöne Spielplätze, wo man, ohne Furcht haben zu müssen, ein Fenster einzuschlagen, „Titschkela“ und „Lauf Meter“ spielen konnte.

Nach dem 2. Weltkrieg hat sich jeder tschechische Ziegeleiarbeiter ein Haus aus deutschem Besitz angeeignet. Jeder ließ den Herrgott einen wohlgefälligen Mann sein. Vielleicht macht er heute die Ziegel allein weiter?


18. Kapitel

Verzeihet mir, wenn ich infolge des Ablebens meines Bruders an Stelle der von mir in unserem Heimatblatt allmonatlich gebrachten Erinnerungen aus der alten Heimat heute seiner mit einigen Worten gedenke. Mein Bruder Franz Hlawatsch, geboren am 24. August 1897 in Nimlau, ist am Donnerstag, dem 18. August in Aalen infolge eines Herzschlages gestorben. Er hinterlässt die Frau Maria Hlawatsch, geb. Rypar, vier Kinder und 8 Enkelkinder sowie 5 Geschwister. Sein plötzlicher Tod hat ein schweres Leid in den Herzen seiner Hinterbliebenen hervorgerufen, denn er war der Älteste und galt als Eckpfeiler der einst so kinderreichen Familie Hlawatsch.

Nach einem nicht alllzuleichten Hirnschlag im Sommer 1957 war er gezwungen, jeden Lärm und jedes größere Ereignis zu meiden und suchte nur die Ruhe unter den Seinen; sein Lebenswille führte sogar zu einer Besserung seines Zustandes. In der Woche vor dem Olmützer Treffen in Nördlingen aber musste er wegen erneuten Unwohlseins die Arbeit aufgeben und sein Arzt gab ihm zu wissen, dass er die Wohnung nicht verlassen dürfe. Aber die Sehnsucht, mit seinen lieben Nimlauern ein Wiedersehen feiern zu dürfen, stärkte ihn. Er kam nach Nördlingen und freute sich überaus, mit beinahe 100 Menschen aus Nimlau dieses festliche Ereignis begehen zu dürfen. Auch ich war einer von denen die sich mit ihm freuten, ohne auch nur eine Ahnung zu haben, dass dieses wohl sein letztes Wiedersehen sein wird. So sind alle Bekannten, denen er die Hand zum Gruße reichte, von seinem plötzlichen Ableben sehr betroffen. Die ganze Verwandtschaft, die in der Bundesrepublick eine neue Bleibe gefunden hat, alle aus Nimlau und dem Olmützer Land stammenden, in Aalen wohnhaften Landsleute sowie eine große Zahl seiner Arbeitskollegen waren gekommen, um ihn auf seinem letzten Weg zu begleiten und ihm die letzte Ehre zu erweisen.

Während der Einsegnung in der Friedhofskapelle spielte die Musikkapelle seines Betriebes (der US.-Instandsetzungsbetrieb in Gmünd) das Heilig, Heilig aus der Deutschen Messe von Franz Schubert. Die Klänge bewegten jeden zutiefst, die Herzen wurden weich, die Last des Leidens verteilte sich auf alle Anwesenden. Nun trat der Tote seinen letzten Weg durch die Stille des Waldfriedhofes an, gefolgt von seinen Angehörigen, Verwandten und Bekannten. Sodann wurde der Sarg in das Grab gesenkt. Der Tote: Mann, Vater, Bruder und Freund ging ein zur ewigen Ruhe. Nach einer kurzen Ansprache und einer Danksagung im Namen der Hinterbliebenen durch den Geistlichen überbrachte der Betriebsrat die letzen Grüße seiner Arbeitskollegen und zum Abschied spielte die Musikkapelle das Lied vom guten Kameraden. Die durch die Bäume blitzenden Sonnenstrahlen drangen bis in die Tiefe des Grabes. Nach einer achtwöchingen Regenzeit war wohl dieser schöne Tag gleichsam ein Gotteslohn für seine guten Taten auf Erden.

Meine lieben Nimlauer, den wir soeben zur ewigen Ruhe gebettet haben, habt ihr alle gekannt, war ja auch er weit über die Grenzen unseres Heimatdorfes hinaus bekannt. Gleich nach seiner Schulzeit ging er auf drei Jahre nach Freudenthal und erlernte dort mit bestem Erfolg den Beruf eines Sattlers und Tapezierers. In seinen jungen Jahren – hierher gehören auch vier Jahre des 1. Weltkrieges – hatte er Erlebnisse und Begegnungen gehabt, die sein Gewissen wachriefen und ihn lehrten, das Recht vom Unrecht zu unterscheiden. Er hat es für seine Menschenpflicht angesehen, für das Recht jederzeit einzutreten. Er ging diesen in dieser Zeit wohl harten Weg unbeirrbar und war gewillt gewesen, für die Gerechtigkeit sein Leben hinzugeben. Meine Lieben, sollte mein Bruder jemanden in seiner Ehre gekränkt haben, so bitte ich euch, ihm das nicht nachzutragen. Er war uns ein guter Mann, Vater, Sohn, Bruder und Freund. Wir wollen ihn bei jedem sich bietenden Anlass in unser Gebet einschließen und ihm ein treues Andenken bewahren! Nur durch dieses können wir ihm, dem aus unseren Reihen Dahingegangenen, für alles Gute, das er uns getan hat, unseren Dank abstatten; so wird er unter uns weiterleben und als eines der edelsten Glieder unserer Gemeinschaft verbleiben. Die letzten Grüße sendet ihm die ganze Bevölkerung von Nimlau.


19. Kapitel

Nachdem ich euch bisher außerhalb unseres Heimatortes gelegene alte Überlieferungen in Erinnerung gebracht habe, will ich versuchen auch in seinem Inneren gelegene alte Dinge in Euch wachzurufen. Vielleicht gelingt es mir, durch einen Blick in die Vergangenheit sogar auch bisher verborgene Sachen an das Tageslicht zu bringen. Von größeren Ereignissen in Nimlau habe ich schon früher berichtet und wenn ich kurz auf die Dorfanlage eingehe, so muss ich sagen, dass die Gründer des Dorfes vor fast 830 Jahren gute Pläne hatten und ausführten. Der Kern des Dorfes waren die zu beiden Seiten einer breiten Dorfstraße von Steffe bis Thomas (Gemeindevorsteher) rechter und linker Hand erbauten Bauernhäuser und Gärtleranwesen. Deren Stallungen waren durchwegs der Sonne zu – nach Süden – gerichtet und die zum Anwesen gehörenden Gärten wurden nach „Hintennaus“ durch die Scheuer abgegrenzt. So wurde ein Einblick in das Innere des Hofes unmöglich gemacht. Die Häusler – einst Inleute oder Ingesind genannt – waren die bei den Bauern gegen Deputat und Lohn arbeitenden Ortsbewohner. Sie mussten ihre kleinen Häuser, „Häuseln“ genannt, eng aneinander gereiht, auf Gemeindegrund (Rustikalisten) und Herrengrund – in unserem Falle Grund des domkapitularischen Präbendenhofs – (Dominikalisten) erbauen, weil die Grundbesitzer auch ihren Mitarbeitern keine Baugründe abgaben.

Das alte Nimlau hatte bis zum Jahre 1870 88 Hausnummern und zeigte noch bis zu diesem Jahr sein altes patriarchalisches Bild. Beginnend mit dem Schulneubau, der Erbauung des Gemeindehauses, durch die Errichtung einiger kleinen Häuser sowie durch Häuserteilungen veränderte sich das Dorfbild zusehends: Bei der Volkszählung des Jahres 1910 hatte Nimlau schon 106 Hausnummern und 1012 Einwohner. Bald war das Dorf übervölkert, der Ausbruch aus der alten Dorfanlage wurde durch Alois Strnisko vollzogen, welcher auf dem nach Olmütz-Powel führenden Weg ein einstöckiges Haus aufführte und im Jahre 1930 gab es schon 130 Hausnummern.

Unser Heimatdorf Nimlau war wegen seiner günstigen Lage an der Bahn Brünn-Proßnitz-Olmütz und seiner geringen Entfernung von Olmütz (nicht ganz 4 Km) immer im Blickpunkt der engeren und weitern Nachbarschaft. Viele haben es so angenehm empfunden, weil hier Lebensfreude und Verträglichkeit zuhause war. Sie machten sich hier ansässig und verwuchsen mit der Dorfgemeinschaft. Da die Gemeinde nur wenig Gewerbetreibende und Geschäftsleute aufzuweisen hatte, wurde aus auswärtigen Menschen deutscher und hannakischer Herkunft die Gelegenheit gegeben, hier ihrem Berufe nachzugehen. Sie gingen in den althergebrachten Lebensgewohnheiten des Dorfes auf, sprachen seine Mundart und wurden auch in die Gemeinschaft der Sippen aufgenommen, wenn sie einheirateten.

Was Ihr vielleicht noch nicht bemerkt haben dürftet: Alle Eingewanderten hießen Johann. So zum Beispiel: Haas Johann (Lebensmittel), Sander Johann, (Lebensmittel), Indrak Johann (Fleischermeister), Sklenař Johann (Bäckermeister), Kohn Johann (Schuhmachermeister), Kropač Johann (Schneidermeister), Gabriel Johann (Schmiedemeister), Gabriel Johann, (Bindermeister), König Johann (Wagnermeister), Franz Johann (Wagnermeister), Beutel Johann (Müller), Ženžak Johann (Landwirt) und Kruschil Johann (Landwirt). Schon damals war offensichtlich, dass alle in Nimlau ansässig gewordenen Menschen den Anforderungen der Bevölkerung Rechnung getragen und durchweg zum Wohle der Gemeinde mitgearbeitet haben. Johann Ženžak wurde anlässlich der Volkszählung in den 1930er Jahren mit einer Strafe von Kč 400 belegt, weil er sich als Deutscher bekannt hat, obwohl er gebürtiger Hannake war: Alle aus dessen Ehe und anderen ähnlichen Ehen hervorgegangenen Kinder besuchten die deutsche Volksschule und wurden auch mitsamt ihren Eltern ausgewiesen.

Vielleicht werden Euch auch die Namen der Lehrkräfte interessieren, welche in Nimlau gewirkt haben:
Nawratil Franz, geb. aus Koschuschan, Schulleiter 1861-1887
Grohs Josef, geb. aus Meedl, Unterlehrer 1876- 1884
Felkl, Alois, geb. aus Hennersdorf, Oberlehrer 1883- 1921
Klar Franz, geb. aus Olmütz, Unterlehrer 1884-1890
Repper Justus, geb. aus Leipnik, Lehrer 1890-1900
Vieweger Franz, geb. aus Irmsdorf, Lehrer 1900-1906
Peschek Edmund, Lehrer 1906- 1936, Oberlehrer seit 1936
Pika Anton, Oberlehrer 1922-1936


20. Kapitel

Mit einem Beitrag bleibe ich heute im engsten Kreis meiner Familie. Meine Frau und ich haben vor einigen Tagen das sechzigste Lebensjahr erreicht und damit auch den größten Teil unseres Lebens hinter sich gebracht. Mit freudigem Herzen wollen wir dem Herrgott für unser Leben und die Erhaltung unserer Gesundheit den aufrichtigsten Dank zum Ausdruck bringen. Wir sind auch gewillt, noch einige Jahrzehnte unter Euch zu verbleiben und mit Euch Freud und Leid zu teilen. Meine Frau und ich wünschen allen, die in diesem Jahr das gleiche Lebensjahr erreichen, alles Gute für die Zukunft und einen schönen, mit Freuden angefüllten Lebensabend.

An kurzen Ausschnitt aus man Leben
Willich eich heit zum Lesn geben:
Sechzig Joha sein schun vegonga
Ols ich mei Leben ho ogefonga. OHNE an Kleidl un` ohne Geld
kom ich domols auf de Welt.
Ich was es nouch ols wär es heit,
wie sich mei Mutte hout gefreit,
olla hon helauf geloch ols Glaude Basl mich hout gebrocht.
Ich woa de vierte a de Reih
Und viere komen nouch hinte drei.
A Madl woas un`siebn Bubm,
wenn olla dou woan, woa vul die Stubn.
Es wor holt su zu derer Zeit:
Kinde komen nur zu die ormen Leit;
Drum woa me olla, ich was gewis,
uf de Glaude Basl zimlich bies.
Mei Weg woa hoat getränkt mit Schweis,
wos ich mich zu erinnern weis.
Ols Kind kon ich jo nie viel sougn,
ich was, ich kunt mich nie beklougen.
Kaum woa ich an Mete grus, dou gings Theater mit mir schun lus.
Zum Spiel, dou fehlte uns die Zeit,
dos hät und kinde oft gefreit.
Um drei Uhr woa die Schule aus
Dou must ich glei ufn Oke naus,
Futte huln für Hos un` Ziegn
un` nouchher a nouch Kinde wiegn, Es gob ka Rost, es gob ka Ruhn,
den gonzen Tog woa woe zu tun.
Betn hies es voa dem Essen,
wis uns geschmeckt hout we ich nie vergessen:
Die Erpltunk, des mus ich sougn,
kon ich bis heit nouch nie vertrougen;
A Fleisch, a Knöidl und a Kraut,
des ho ich immer gut vedaut.
Mit lauter solcher Tandlerei
Ging die Schulzeit schnell vorbei.
Die Blite meiner Kindzeit
Hout mich truzdem sehr gereit.
Don kom der Krieg ihr lieben Leit,
der brach mir Kumme und nie an Fried.
Ich was es nouch, des woa a Nut,
dou gobs nur Erpl und seltn Brut.
Aich ich must naus und tot mei Pflicht,
gewunna homme na trutzdem nicht.
A Schuß im Orm, dos woa mei Glück,
don woa re aus un`ich kom zurück.
Jetzt fing a neies Leben on,
ich lernte do gleich Zimmemon.
Auch must ich don nouch ungefähr
A gonzes Joha zum tschechischen Militär.
Don glaubte ich: Jetzt bist du frei,
dos Schwerste hätst du jetzt vorbei.
Doch was ich nouch wies domols woa,
mei Mutte sogt mir leis ins Oha:
„Du bist gesund, bist stork un` gruß,
am liebstn hät ich dich schun lus.“
Ich lochte wie a keische Monn,
es half holt nix.ich woa jetzt dron.
„Brauchst nie zu schan a nie zu lochen,
mochs holt wies die onden mochn!“
Viel Winsch un`auch ihrn Segen
Hot sie mir aufn Weg mitgebn.
Dos Glick, dos stond uf meinr Seit
Und schenkte mir dou gle a Maid,
ich woa erfilt vol Liebeskumma
un ho me sa glei zum Weib genumma,
sie woa mei Weib un` ich ihr Monn,
für uns fing jetzt de Summa on.
Ich was es nouch ols wär es heit,
aus woas mit der Frielingszeit.
Die Hebam hout uns glei a Kind gebrocht,
dos hot me schun su ausgemocht.
Dos hout sich öfters wiederholt,
wos wir bestimmt nie hongewolt;
Kinde komen auch zu dieser Zeit
Wiede nur zu orma Leit.
Ohne dou a Wort zu sougn Homme olles leicht ertrougen,
um zu erreichen unser Ziel,
woa uns a Orbeit nie zuviel,
mir hon auch stets auf Gott vertraut
un` hon uns ach a Haus gebaut.
Ich tot gern singa un` tot gern lochn
Un` jeden Mensch a Freide mochn,
an guten Witz ho ich fürs Leben
dem Nächsten gern zum besten gebn.
So lebtn wir in einem fort
In unserm schönen Heimatort.
Don kom a Zeit wos jeder was
Die mochte nur so monchn Spaß.
Un` kaum verging a holbes Joha
Do wurde uns don olles kloa.
Auch ich musst raus zu diesem Ringen
Un` kunt eich keinen Sieg mitbringen.
Vergessen wer ich nie die Zeit
Ols uns die Sieger vu ol befreit.
Vu dieser Zeit, dou schweig ich stil,
dou denk sich jeder wos er will,
ich kom auch nouch, häts nie erhoft,
nach Auschwitz in Gefongenschoft.
Vu dort aus ging es mit Bedacht
Nach Ostrau in den Kohlenschacht.
A Joha darauf, ich kunts kaum Fassen,
don hon sa mich an Ham gelossn,
don wurdn wir, wie eich bekont,
ausgesiedelt in dos deizsche Lond.
Hier sucht ich sie un` fand si doch,
beide Söhne, sie lebten noch.
Wir worn glicklich un` zufriedn
un` sind es auch bis heit geblieben.
Nun sind wir hier schun vierzehn Joha,
am libsten wär ich es wär die Hälft
nie woa.


21. Kapitel

Friede den Menschen auf Erden! Das ist wohl der beste Wunsch zum Weihnachtsfest. Der Frieden wäre wohl das schönste Geschenk für die ganze Menschheit. Aber bevor wir dieses Fest feiern, wollen wir, dass sich unsere Gedanken in diesem Wunsch vereinen, um den Herrgott zu bitten, er möge den an der stehenden Menschen den Mut einflößen, auf dass sie uns das so schwer verletzte Recht wiederherstellen und den schon lange ersehnten Frieden wiedergeben, denn nur der Friede kann dem bevorstehenden Fest Glanz und Würde verleihen. Beinahe 50 Jahre sind vergangen, seitdem wir das Weihnachtsfest in Frieden und Freiheit, mit Liebe und Freude begehen durften. War zu damaliger Zeit ein kleiner Zwist in der Gemeinde unvermeidlich, so waren doch die Einwohner um des Friedens willen entschlossen, sich nicht nur äußerlich, sondern auch innerlich zu reinigen, die Hände zum Frieden zu reichen, denn ihnen war der Weihnachtsfriede heilig. Sie waren von dem Willen beseelt, reinen Herzens vor Gott zu treten, um ihm für alles im ablaufenden Jahr empfangene Gut zu danken.

In unserer alten Heimat begingen wir unsere Feste in feierlichster Weise. Wenn wir unsere Gedanken in diese Zeit führen, so werden wir unvergleichliche Bilder vor unseren Augen haben. Es waren in unserem Dorf zahlreiche Familien mit acht und noch mehr Kindern, die in einer Stube, bei einem Tisch unter einem Tannenbaum das Weihnachtsfest erleben durften. Ein jedes der Kinder hatte seinen Teller mit Backwerk, Nüssen, Äpfeln, Feigen und Pumerantschen, das eine oder andere auch ein Päckchen mit den notwendigsten Winter-Bekleidungsstücken. Wohlgemerkt, das eine oder andere Kind, und man braucht es nicht zu verheimlichen, dass die Eltern nicht in der Lage waren jeden Wunsch ihrer Kinder zu erfüllen. Sie mussten vorerst bedacht sein, die Mäuler zu sättigen zumal sich der Hunger bei solch einer Kinderschar früher eingeschlichen hätte als jedes andere Verlangen. Nach einigen Stunden lautester Kinderfreude und nach dem Genuß der guten Dinge hatte sich ein Kind nach dem anderen gesättigt und mit den Geschenken auf dem Arm zur Ruhe begeben.

Noch vor dem Morgengrauen des nächsten Tages, der Sterne Pracht glitzerte noch am Himmel, begaben sich die meisten Einwohner des Kirchspiels aus Gießhübel, Nedweis, Nimlau und Schnobolin, mit Laternen ausgerüstet, auf den Weg zur Pfarrkirche von Schnobolin um dem einzigartigen Gottesdienst der Christmette beizuwohnen und mit den heimatlichen Weihnachtsliedern dem Glücksgefühl der heimatlichen Weihnachtszeit Ausdruck zu geben. Unsere Christmetten waren daheim schon ein Erlebnis an das sich viele erhebende Erinnerungen knüpften und in der Vertreibung ist uns diese Erinnerung ein köstlicher Trost.

Ich will hier noch versuchen, bei meinen älteren Landsleuten aus Olmütz-Land die Erinnerung an eine öffentliche Weihnachtsfeier zu wecken. In einer Zeit, da wir von den Tschechen aufs schwerste bedrängt wurden, hatten einige beherzte Männer, die zur Betreung unseres Volkstums berufen waren zu einer Weihnachtsfeier auf der Nordseite des Oberrings alle Menschen aus Stadt und Land eingeladen. Eine schier unübersehbare Menschenmenge war dem Rufe gefolgt und hatte sich um den Lichterbaum geschart. Nicht nur Deutsche, sondern auch Tschechen waren gekommen, um die Worte der Redner zu vernehmen. Die Redner mahnten, sich nicht in Tagen der Weihnachtsbotschaft das Leben schwer zu machen und darüber hinaus stets miteinander in Liebe und Frieden zu leben. Der damalige Musikdirektor Josef Heidegger hatte aus diesem Anlaß einen auf diese Weihnachtsfeier bezughabenden Chor komponiert, den er hier als Chormeister des Olmützer Männergesangvereines mit einem aus allen Sängern von Olmütz und Umgebung zusammengesetzten Massenchor zu Gehör brachte. Der mächtige Chor, dessen Wirkung sich auch das verhärtete Gemüt eines Chauvinisten nicht verschließen hätte dürfen, durchbrach die Stille der Nacht und drang hinauf zum Himmel. Die Weihnachtsfeier war im Grunde auch für die Tschechen bestimmt, denn in letzter Stunde ertönte hier der Ruf zum Verstehen und Vertrauen; aber alle die beherzten, aufrichtigen, trefflichen und erhebenden Worte wurden vom Winde verweht. Und so geschah es , dass gerade da die Ernte der Jahre 1938, 1939, 1945 und 1948 keimte.


22. Kapitel

Zum neuen Jahr werde ich aus dem tiefsten Inneren heraus bewogen, vorerst aller jener zu gedenken, die im vergangenen Jahre unsere Reihen verlassen haben. Ich richte daher auch an Euch die Bitte, bei gegebenen Anlasse das Gleiche zu tun; wir wollen und dürfen sie nicht vergessen, sie waren unsere lieben Mitbürger, die mit und neben uns die guten und schlechten Zeiten durchschritten haben. Sie waren so wie wir schuldlos, die wir aus der Heimat vertrieben wurden. Nach dem Ableben eines jeden einzelnen Einwohners von Nimlau wird uns immer klar, welch ein edles Gut, ein Stück der Heimat, wir verloren haben. Der Antichrist geht auch unter uns Vertriebenen herum und möchte haben, dass bald das letzte Stück schöner Erinnerung an die alte Heimat verblasst. Aber so leicht wollen wir es ihm nicht machen, wissen wir doch, dass diese Erinnerung unser höchstes Gut auf Erden ist, aus welchem uns niemand auf Erden – wenn wir dies nicht selbst wollen – vertreiben kann. So wie in der alten Heimat ist auch hier der Winter die geeignetste Zeit, Rückblick zu halten und der Heimat zu gedenken.

Besonders der Monat Jänner war jener Kalenderabschnitt, in dem sich jeder Nimlauer, ob arm oder reich, nach schwerster Arbeit im vergangenen Jahr nach Ruhe und Entspannung sehnte. So wurde in jedem Haus auch nur die notwendigste Arbeit verrichtet und ein jeder war bestrebt, sich ein Vergnügen nach seiner Art zu gestatten. Es kamen Sitten und Gebräuche zur Geltung, welche den meisten viel Freude bereiteten, wenn man nur verstand, hierzu die richtige Zeit zu finden und Freude daran zu haben. Nicht immer waren dies die Reichsten. Viele andere konnten fröhlicher sein. Heute noch muß ich vor mich hin lachen, wenn ich sie so vor mir sehe, ihre freudebringenden und witzigen Worte höre!

Heute will ich euch nur einen einzigen Tag aus meiner Kindheit – sie fiel in die Zeit vor dem 1. Weltkrieg – vor Augen führen. Damals gab es im Dorfe noch keine elektrische Beleuchtung und nur etwa 10 bis 12 Petroleumlampen sorgten für die Erleuchtung der wichtigsten Verkehrswege im Orte. Der damals uns noch gut bekannte “Stuppl Schuster“ (Cyrill Strnisko) war von der Gemeinde beauftragt, für die Instandhaltung der Ortsbeleuchtung zu sorgen. Dieser Mann, der in der Zeit der langen Nächte alltäglich mit einem Zylinderputzer durch den Ort eilte, war gewissenhaft bestrebt, seine Verpflichtung zu erfüllen. War es ihm in ruhigen Nächten noch möglich, den Weg von einer Lampe zur anderen zu finden, so war ihm dies in der rabenschwarzen Sturmnacht nicht allein möglich, vielmehr gelang es ihm nicht, wenn er schon eine Lampe ausgemacht hatte, dieselbe anzuzünden und so lang das Dorf gar oft in das Dunkel der Nacht gehüllt. Das Tosen des Sturmes und das Rauschen der hohen Bäume in Sauers Garten wirkte furchterregend auf alt und jung, kein Mensch wagte sich auf die Dorfstraße und ein jeder suchte Schutz in seinem Hause: Die Erinnerung an das Unglücksjahr 1672, da das ganze Dorf durch eine vom Sturme begünstigte Feuersbrunst in Schutt und Asche gelegt worden war, lag den Alten noch in den Knochen. Es wurde in den Öfen das Feuer gelöscht bzw. keines angezündet und nur die für alle Fälle bereitgehaltene Sturmlaterne war das einzige Licht im Haus. Eltern, Kinder und das Gesinde setzten sich in die Stube eng aneinander und keiner war zum Schlafen zu bewegen. Alles betete laut den Rosenkranz, flehte um Erbarmen und Gnade. So mancher wurde dort wo er saß oder kauerte, in vorgerückter Stunde erst vom Schlaf übermannt. Solchen stürmischen Nächten folgte aber meist ein gesegneter Tag mit blauem Himmel und Sonnenschein. Wir alle danken Gott dem Herrn und von der Furcht befreit, kehrte die Freude und Lebenslust in den Herzen alle ein. Am 1. November 1921 ist die Gemeinde das erste Mal elektrisch beleuchtet worden, das Amt des gemeindlichen Lampenanzünders ist erloschen und auch die Furcht vor den stürmischen und dunklen Nächten. Nur die Sturmlaterne wurde aber als unersetzliches Requisit aufbewahrt und für schlimme Zeiten bereitgestellt.

Liebe Nimlauer, gewiss wird der eine oder der andere von euch Fotos von Nimlau aufbewahrt haben wie z. B. vom ganzen Ort, von einzelnen Ortsteilen, vom Ortsrande, von der nächsten Umgebung, von kirchlichen Festen, Schul- und Vereinsveranstaltungen, von alten Ansassen, Männern und Frauen in der Dorftracht und manch andere. Denket daran, dass wir diese euren Kindern und Kindeskindern zum Gedächtnis in den Olmützer Blättern zu veröffenlichen gedenken. Stellet uns solche Fotos zur Verfügung, ein jeder erhält sie nach Abdruck zurück!


23. Kapitel

Nicht allzu schlecht waren die Gedanken unserer Vorfahren, als sie die Festtage des Jahres gut verteilten, den Fasching während der Winterszeit ansetzten. Auch bei uns in der alten Heimat haben unsere Landsleute diese schöne Einrichtung zu schätzen gewusst und sie bis zur Neige ausgekostet, denn zum Tanzen brauchte man sie nicht zu ermuntern, das lag ihnen schon im Blut. War nur irgendwo im Dorf ein Leierkasten zu hören, so wurde schon „gefleckelt“ aufs Teufelholen. Es war alles eine liebe Gewohnheit, sich zur Veranstaltung von Faschingsunterhaltungen zu vereinigen: Nicht nur an einem, nein, bereits an jedem Samstag ging es während dieser Zeit lustig zu. Ich habe euch schon im Vorjahre einen Veteranen-Ball in der damaligen Zeit beschrieben. Nie mehr im Leben werden wir so etwas wieder zu sehen bekommen, es war ein herrlicher Anblick!

Heute will ich euch eine andere Gemeinschaft lebensfroher Nimlauer von damals beschreiben. Es war die der „Bund deutscher Petersel-Weiber aus Nimlau und Umgebung“. Sie trugen noch keine Uniform, aber bei ihren Feierlichkeiten waren sie durch einen auf der Brust angesteckten Strauß aus Petersel-Grün gekennzeichnet. Der Petersel-Ball war für die damaligen Ortsbewohner der älteren Generation ein alljährliches Erlebnis, bei welchem ledige Mädchen unerwünscht, dafür aber die Burschen herzlich willkommen waren. Schon am Nachmittag während der Vorbereitungen und bei der Ausschmückung des Saales ging es schon bunt zu, das Seitelglas ging von Hand zu Hand und von Mund zu Mund der schon in Schwung gekommenen Petersel-Weiber, die schon seit geraumer Zeit für den Frohsinn und die Ausgelassenheit bestens vorgesorgt hatten. Der „offizielle“ Teil verlief so wie auf jedem anderen Ball, auch hier wurden die Männer mit bunten „Orden“ behängt und die Brust der Frauen mit schönen Sträußen für den „Sträußchen-Walzer“ geschmückt. Um Mitternacht wurde die Frau, die die schönste und längste Petersel – nur solche konnten an den Wochenmarkttagen in Olmütz Käufer finden – aufzuweisen hatte, zur Königin ausgerufen: sie und ihr Tanzpartner durften einen „Solo-Walzer“ tanzen. Hernach war Pause, allgemeine Fütterung – und nach der Stärkung folgte der gemütliche Teil und es ertönte durch den Saal der Ruf: Zwei Stunden Damenwahl! Die Männer die das schon erlebt haben und noch unter den Lebenden weilen wissen, was sich in diesen zwei Stunden zutrug.

Die jetzt los- und ausgelassenen Petersel-Weiber kosteten sie weidlich aus. Die Mieder wurden gelockert, das Vordergestell freigelegt und nun wurde gejuchst und getanzt bis zum Umfallen. So mancher Ehemann war gezwungen das Gleiche zu tun, wenn er nicht gleich kapitulieren wollte; jetzt waren sie den Burschen dankbar, die sich ihrer erbarmten und mit den Frauen einige Walzer tanzten. Nach zweistündigem Tanz waren deren langersehnter Traum zu Ende. Die Männer saßen nun hinter den Tischen und auch die nun zahm gewordenen Frauen suchte ein ruhiges Plätzchen auf, um ihren Puls auf normale Schläge zu bringen. Nach der so notwendigen Pause folgte der „Losungs-Walzer“, welcher viel Freude und Heiterkeit hervorrief. Nachdem die Teilnehmer wieder ihr Gleichgewicht gefunden hatten ging es im Schwung der Polka-, Walzer- und Ländlermelodien weiter.

Zur fortgeschrittenen Zeit war auch der „Polster-Tanz“ fällig. Die älteren unter uns kennen ja den Vorgang dieses überaus beliebten Tanzes. Denen, die ihn nicht kennen und auch noch nicht gesehen haben, will ich einige Figuren aus dem Tanz beschreiben, zu dem ein unvollständiger Walzer gespielt wurde. Ein Mann und eine Frau saßen mitten im Saal mit einer Flasche Schnaps, zwei Tellern und zwei „Stamperln“. Die Königin kam mit einem schneeweißen Polster und suchte sich einen ihr gut gesinnten Mann (zumeist aber nicht ihren Ehemann). Sie legte den Polster vor ihn, kniete sich darauf und bat den Mann um einen Kuß und Tanz. Der Mann kniete auch nieder, umarmte die Frau und sie küssten sich herzhaft, tanzten einige Takte Walzer und tranken gemeinsam einen Schnaps. Sodann nahm der Tänzer den Polster und es folgte der gleiche Vorgang; die Tänzerin holte sich einen neuen Tänzer, der Tänzer eine Frau und so fort. Die Zeche zahlte der Mann. So harmlos ging es aber nicht immer aus: Die Leute wollten lachen und es kam auch vor, dass ein Tänzer den Polster vor eine Tänzerin legte und sich darauf kniete, in dem Augenblick, da sich die Frau auf den Polster knien wollte, diesen ergriff und zu einer anderen lief. Die Frau kniete so allein auf dem Tanzboden und musste sich unter allgemeinen Gelächter, aber ohne irgendwelchem Missmut, zu ihrem Tische begeben. Das gleiche konnte auch einem Mann geschehen und niemand zeigte sich verdrossen, denn das gehörte alles eben dazu. Manches Pärchen hielt sich fest umschlungen und küsste sich so fest, dass man glaubte, sie seien zusammengewachsen; je ulkiger es war desto schöner war es. Einmal sagte der Franz zu seiner Ritschi: „Los na doch schun aus, du mochst na ju kaput!“ da sie sich mit einem Burschen küsste. Der Polstertanz dauerte zumeist ein bis eineinhalb Stunden, aber glaubt ja nicht, dass nach dem Ball zu Ende war!


24. Kapitel

Frühlingserwachen, fürwahr ein wohlklingendes Wort, welches jedem einzelnen Menschen das Herz höher schlagen lässt! Alle Jahre wieder kam der Frühling in unser Land und je höher die Sonne stieg desto freudiger waren alle Menschen, deren Arbeitsfeld das freie Land war wo sie gar oft schwersten Witterungsverhältnissen ausgesetzt und mit dem zufrieden sein mussten, was ihnen die Natur zumaß. Noch sehr oft stand der Monat März unter dem Einfluss des scheidenden Winters, die rauen und kalten Winde aus Ost und Nord durchstreiften das ganze Marchtal und verzögerten das Grünwerden unserer Fluren; nur der Huflattich blühte ungehindert und bezeugte, dass der Frühlingseinzug doch nicht mehr weit ist. Aber eine alte Redensart besagt, dass zu Josef der Faulste heraus muss, bewahrheitete sich oft. Am Tage des Heiligen Josef, am 19. März, der unter Anteilnahme der ganzen Bevölkerung mit einem Gottesdienst in der Ortskapelle gefeiert wurde, erging durch ein Gebet zu Gott die Bitte, er wolle allen auf dem Land schaffenden Menschen Kraft und Gesundheit verleihen, damit sie die schwere Arbeit übers Jahr erfüllen können. Bald auch wurde die kalte Nordluft durch eine feuchtwarme Brise aus dem Süden abgelöst, die Sonne durchbrach den Frühnebel und der Erdboden wurde warm. Mit einem Schlage gehörten die Tage des Faschings der Vergangenheit an, jeder musste die im Winter weich gewordenen Hände aus den Hosentaschen hervorholen und das Werkzeug fest umfassen und nach kurzer Zeit wurde der im Winter angesetzte Speck ein Opfer der Arbeit. Ob arm oder reich, ob jung oder alt, für jeden erschien die kommende Jahreszeit als eine Verpflichtung zum Wohle seiner Familie und seines Nächsten. Berge von Arbeit wuchsen aus dem Boden und konnten nur durch härtesten Einsatz jedes einzelnen abgetragen werden. Oft mussten Kinder, die kaum in der Lage waren sich selbst das Brot abzuschneiden, hart anfassen um den von der Tagesarbeit bedrängten Eltern zu helfen. Die Arbeitstage waren von der Menge und der Vielfalt der anfallenden Arbeit abhängig, bald waren es lange Tage vom Morgen bis zum Abendläuten, bald war es ein Tag von 4 Uhr früh bis 8 Uhr abends, im Sommer noch länger.

Schon früh am Morgen, ehe noch die Sonnenstrahlen den Boden berührten, ging der Bauer mit seinen Dienstboten ans Werk. Die Wagen wurden mit Saatgut und allerhand Ackergerät beladen, die Pferde wurden vorgespannt und dann rasselten Wagen, Maschinen, Walzen etc. dem Ausgang des Dorfes und den Feldern zu. Die in unserer Heimat unzähligen Lerchen begrüßten sie mit ihrem Jubel in den Lüften und begleiteten sie bei der Arbeit den ganzen Tag. Morgens, mittags und abends konnte man die Dorfbewohner mit einem Ameisevolk außerhalb des Haufens vergleichen, denn im Dorf traf man nur Kinder und alte Leute. Jedermann war darauf bedacht, das Saatgut so schnell wie nur möglich in den Boden zu bringen, damit ein etwa einfallender Frühlingsregen dieses Beginnen nicht etwa verschiebt oder gar vereitelt.

Unser Dorf hatte nicht nur Landwirte, die in der Lage waren, Pferde vor ihre Wagen und Ackergeräte zu spannen, es gab auch Dorfbewohner, die sich selbst vor ihren Handwagen spannen und dessen Last mit größten Mühen an den Ort der Bestimmung bringen mussten. Es waren dies die Häusler und Inwohner, die sich mit dem Anbau von Gemüse aller Art befassten. Hierzu gruben sie große Feld- Wiesenstücke mit dem Grabscheid (Spaten) um. Ich habe heute noch Kreuzschmerzen wenn ich an diese schwere Arbeit denke! Oft gelang es den Frauen (Peterselweibern) von einem Bauern ein großes, meist 4 Metzen umfassendes Ackerstück zu pachten (in den Oberen Lusen). Von sachkundigen Männern wurde es in 32 Achtel – also zu je 1/8 Metzen – geteilt und der Großteil dieser Frauen konnte sich an der Verteilung beteiligen. Es bekam jedes Achtel seine Nummer und dann wurde gelost. Hierbei ging es ganz lustig zu und darauf, dass die Petersel (Petersilie) schön gerade und lang wachsen möge wurden einige Runden Likör ausgeblitzt. Das Bestellen dieser Feldstücke war nicht allein eine schwere, sondern auch eine recht heikle Arbeit. So z. Bsp. wollte kein Bauer richtig dran dieses Feld zu ackern, denn es musste sehr tief geackert werden. Da muß ich den Bauer Mauritz Melzer noch heute Dank und Anerkennung zollen, weil er die Bitte der Frauen aus reiner Menschlichkeit nicht abzulehnen vermochte. Beim Ackern waren alle beteiligten Frauen dabei, sie schritten hinter dem Ackersmann einher und durchsuchten den Boden nach Wurzel und Unkraut. Sodann wurde das Feld geeggt und mit einem Brett abgeschleppt. Nachdem es glatt und eben wie ein Tisch war, gingen die Frauen ans Werk. Zuerst wurde die Grenze ausgetreten, sodann ein großes Tuch ausgebreitet und auf dieses eine ziemliche Menge feiner wie trockener Erde aufgetragen und mit dem vorgekeimten Samen durchmengt. Hierauf band sich jede Frau das Tuch um den Leib. Es war schwer und nur mit Mühe konnte sie sich vom Erdboden erheben. Sie schaute sich nun in der weiten Gegend um, einen Kirchturm, Kamin, etc. zu erblicken, der ein Vorbild für den geraden und langen Wuchs der Petersilie sein könnte. Konnte sie aber dergleichen nicht erblicken, steckte sie die Hacke senkrecht in den Boden und betrachtete diese als eine Aushilfe für ihre Vorstellung und Wünsche. Mit einer Hand voll Samengemisch und den Worten „A Jejses Noma“ (in Jesu Namen) bekreuzte sie dreimal ihr Feld und betete zu Gott, er möge ihre Frucht nach dem Vorbild das sie vor sich gesehen und das sie sich ausgewählt hatte, gedeihen lassen. Jetzt erst wurde der Samen ausgesät und mit einem eisernen Rechen eingerecht. Ein Palmzweig aus geweihtem Holz war eine Zierde eines jeden Achtels, eines jeden Anteils. Soviel Teile eine Frau ausgelost hatte, soviel Mal wiederholte sich der Vorgang. Über den weiteren Verlauf dieser Petersel-Angelegenheit in unserer Gemeinde wollen wir uns noch später unterhalten.


25. Kapitel

Im heurigen Jahr erfreuten uns die Osterfeiertage etwas früher als in den vorhergegangenen Jahren. Es sind immer die ersten im jeweiligen Jahr und, von mir aus gesehen, auch die schönsten Feiertage. Schon die vorausgehende Fastenzeit wirkte sich auf jeden einzelnen Bewohner der Pfarrgemeinde aus und die Erinnerungen, welche ich jetzt in euch wachrufen will, stammen aus dieser Zeit, die ich wiederholt in meinen Kindheitsjahren erlebt habe. Die Fastenpredigten, die an jedem Sonntag abgehalten wurden, waren ihr Kernstück: Pater Schnee aus Olmütz fand in der Pfarrkirche zu Schnobolin ein überfülltes Gotteshaus gläubiger Zuhörer und noch außerhalb der Kirche lauschten unzählige Menschen den Ausführungen dieses ausgezeichneten Predigers. Verstand er doch das Leiden Christi so auszulegen, dass kein Auge trocken blieb. Es waren ja auch die Menschen von der Grablegungs- bis zur Auferstehungsfeier ganz auf das Leiden und Sterben des Herrn eingestellt, sie nahmen nur wenig Nahrung zu sich und verrichteten nur die unumgänglich notwendigen Arbeiten. Die Schuljugend und die schulentwachsene Jugend benützte diese Zeit zur Besichtigung der „Heiligen Gräber“ in den Stadtkirchen. Sie haben von dem, das sie hier besichtigen und bestaunen konnten, bestimmt unauslöschliche Eindrucke bis zum heutigen Tage behalten. Ich weiß nicht wie viele Landsleute in der Exilheimat ein Heiliges Grab in einem solchen Ausmaß, in einer solchen Erhabenheit und Schönheit wie zu Beispiel in der Garnisonskirche Maria Schnee zu Olmütz je zu sehen bekommen werden: Das gewaltige, hoch über das Hl. Grab hinausragende Eichenkreuz, das an diesem weit herabhängende weiße Linnen demonstrierte jedem auf den ersten Blick welch gewaltiger Abgrund sich zwischen Unrecht und Gerechtigkeit auftun konnte und kann. Das Grab selbst wurde aus Waffen des österreichischen Heeres der Befreiungskriege nach dem Jahre 1809 geschaffen und übertrug die Karfreitagsstimmung, die in unserem altösterreichischen Vaterlande vor der Schlacht bei Aspern geherrscht hatte, noch ein Jahrhundert später auf den andächtigen Beschauer. Hier versahen die Soldaten des Hausregiments in „Paradeadjustierung“ die Grabwache. Auch die anderen Kirchen der Stadt hatten ihre Heiligen Gräber durch würdige Ausstattung und viel Geschmack zu einprägsamen Mahnmalen ausgestattet, so z. Bspl. St. Mauritz (Grabwache durch das Bürgerkorps). St. Wenzel (Grabwache durch bischöfliche Garden). St. Michael und nicht zuletzt auch die Kirchen der Dominikaner, Kapuziner und der Ursulinerinnen. Wer von uns diese Bilder und Erinnerungen der Vergessenheit überantworten will, der ist auch fähig, seine Heimat zu vergessen! Das ganze Dorf, Haus und Hof hatten inzwischen ein festliches Gewand angelegt und die Menschen, die darin wohnten, hatten eine innere und äußere Reinigung an sich vollzogen. Während die Mutter und Hausfrau die notwendigen Vorbereitungen für das Ostermahl die Osterbrote und die Osterfreuden der Kinder traf, begab sich jedermann, der nicht unbedingt zu Hause bleiben musste, auf den Weg zur Kirche. Bereits um 4 Uhr nachmittags warteten schon die Pfarrkinder aus Gießhübel, Nedweis, Nimlau und Schnobolin außerhalb der Kirche auf den Beginn der Auferstehungsfeier. Plötzlich begannen alle Glocken zu läuten. Der Priester hatte das Lied „Der Heiland ist erstanden . . .“ angestimmt, das Volk hatte es mit den Worten: „befreit von Todesbanden . . .“ fortgesetzt und sodann wurde das Allerheiligste vom Priester unter dem Gesang und festlicher Musik um die Kirche getragen. Die Feier wurde mit dem festlichen Gesang „Freue Dich Himmelskönigin“ und dem „Großer Gott wir loben dich“ geschlossen. Die festlich gestimmte Pfarrgemeinde teilte sich jetzt in ihre örtlichen Prozessionen, die in der Reihenfolge Nedweis, Nimlau, Gießhübel, Schnobolin, ein Stück vom Seelsorger begleitet, unter Vorantragung des Kreuzes, unter Gesang und Gebet sich auf den Heimweg begaben. Der damalige Vorbeter Pawlak suchte aus seinem Buch die schönsten Lieder aus und jeder sang die schönen und leichten Melodien freudigen Gemüts mit. Eines solchen schönen Liedes erinnere ich mich noch jetzt. Sein Refrain lautete: „O mein Jesu, mein allerschönster Jesu, mein Seelenbräutigam. Soweit meine Erinnerungen an die Auferstehungsfeier.


26. Kapitel

Ich will heute mein Versprechen einlösen und mit euch einen kleinen Ausflug auf die höchste Erhebung der Nimlauer Dorfflur, den Goldberg (auch Johannisberg genannt), einst das schönste Fleckchen Erde unserer engeren Heimat, unternehmen. In den Jahren 1845 bis 1850 hat das damalige Militär auf dieser aussichtsreichen Höhe zur Verstärkung des Festung Olmütz das Lagerfort XI erbaut. In keiner Zeit musste es Verteidigungszwecken dienen und nach dem Gefechte bei Tobitschau im Jahre 1866 wurde die ganze kostspielige Anlage bereits als veraltet angesehen. Sie konnte von jetzt ab von jedermann betreten werden und diente fortab der Bevölkerung aus Stadt und Land zur Veranstaltung von Festlichkeiten – besonders der hier alljährlich stattfindenden Sonnwendfeiern – und als Ausflugsort. Das Fort, das zuerst von der Familie Endlinger und später von der Familie Riedl verwaltet wurde, konnte auch besichtigt werden. Nicht alle Leser, vielmehr nur die älteren Landsleute werden in der Lage sein, sich dieser Zeit zu erinnern. Erst im 1. Weltkrieg wurde es dort weniger schön. Das Fort wurde wieder für militärische Depotzwecke, zeitweise auch zur Unterbringung von Kriegsgefangenen in Verwendung genommen, das Wäldchen wurde abgeholzt, der Zutritt untersagt. Der einst so schöne und vielbesuchte Ort wurde zu einem kahlen und unbeachteten Hügel.

Wenn wir jetzt einen kleinen Abstecher dorthin tun, so will ich mich euch hierbei als Wegweiser anbieten, denn ich konnte als Schuljunge noch einige Sonnwendfeuer und Sommerfeste auf dem Goldberg miterleben. Ein Ausflug an einem Sonntagnachmittag war damals für jedermann eine Erholung und auch die Nimlauer haben von ihr einen regen Gebrauch gemacht. Der dorthin führende Pantschocha-Weg war ein tief eingeschnittener Hohlweg, dessen beide Hänge reichlich mit Sträuchern und Bäumen aller Art bewachsen waren. Der tief unten im Hohlweg dahinschreitende Mensch empfand den kühlen Schatten und den Duft tausender Heckenrosen als ein kostbares Geschenk Gottes. Unweit des oberen Ausganges stand man schon in unmittelbarer Nähe des Akazienwäldchens und es bot sich ein unvergesslicher Anblick. Zu diesem schönen Anblick möchte ich noch folgendes sagen: Der Bauer Adolf Dočkal, bei dem ich die ersten Jahre des Krieges im Dienste stand, gab oft seiner Freude Ausdruck, wenn wir mit dem Wagen auf dieser Höhe ankamen. Er schwenkte den Hut und sang mit seiner wohlklingenden Stimme: „Wer hat dich du schöner Wald aufgebaut so hoch da droben . . .“ Dabei strich er seinen Schnurrbart nach beiden Seiten und lächelte vor sich hin. Auch seine Frau Albertine, geb. Christ aus Schnobolin, war immer freudig bewegt, wenn wir in der Nähe des Goldberges mit Feldarbeiten beschäftigt waren.

Wir nähern uns immer mehr der Kuppe. Bevor wir aber auf diese gelangen, erhebt sich vor uns auf hohem Sockel in übernatürlicher Größe das Standbild des heiligen Johannes von Nepomuk. Der im Lande besonders verehrte Heilige, Sinnbild der Sanftmut und Verschwiegenheit wandte sein Gesicht der tief unten liegenden Gemeinde Nimlau zu. Im Jahre 1807 ward er auf Kosten der Gemeinde aufgestellt. Wir lassen den Heiligen linker Hand und gehen längs des Weges bis zur Vorderseite des Forts. Von da aus führt ein Fahrweg nach Schnobolin. Die Einfahrt zum Fort war ziemlich tief gelegen. Die Vorderansicht ergab durch die weit nach beiden Seiten sich erstreckenden Erdwälle einen wuchtigen Eindruck und vor beiden befand sich ein etwa 50 Meter breiter und 200 Meter langer Rasenplan. Was der Umgebung des Forts einen besonderen Reiz und Schönheit verlieh, war der rings um das Fort sich hinziehende, etwa 60 Meter breite Wiesenplan, auf dessen Südseite sich das schattige und zur Blütezeit bezaubernd duftende Akazienwäldchen befand, jenes Wäldchen, das den Ruhe suchenden und nicht auch den nach Liebe dürstenden Menschen viel Freude und Erholung vermittelte.

Nur noch wenige dieser Glücklichen weilen unter uns. Wer einmal die Erhabenheit und Schönheit unserer Heimat von hier aus gesehen hat, der kann sie nie und nimmer vergessen. Er wird ihr hier geschautes Bild den Kindern und Kindeskindern weitergeben und es als Trost beim Sterben empfinden: Ganz nahe vor und unter uns liegt die königliche Hauptstadt Olmütz, die von unseren Ahnen erbauten und besiedelten Heimatdörfer, alles in goldene Ährenfelder gebettet. Die majestätische und stromgleiche March durchfließt von Nord nach Süd das weite Tal und verschwindet in den Auen des Grügauer Waldes. Die Ostseite wird durch die waldreichen Ausläufer der Sudeten, das Odergebirge und sein Gebirgsvorland begrenzt. Der sichtbare „Weiße Stein“ weist in jene Richtung, in der die Oderquelle zu suchen ist. Wallfahrtskirche und Kloster Heiligenberg erscheinen uns als köstliches Juwel erhabener Baukunst und göttlicher Allmacht. Den Blick nach Süden gerichtet erblicken wir bei gutem Wetter die Karpathen mit der leuchtenden Wallfahrtskirche auf dem Hosteinberg und weiter bis zur Landesgrenze sich hinziehend die Waldhänge der „Weißen Karpathen“. Vom Norden her winkte uns das mit Schnee bedeckte Altvater-Gebirge, das uns auch bei sommerlicher Hitze stets mit einer erfrischenden Brise beglückte. Ein Tal von 20 Kilometer Breite und 160 Kilometer Länge zu unseren Füßen, von solcher Schönheit und Pracht, das war und ist unsere Heimat. Nicht jedem Menschen dieser Erde war die Natur so gut gesinnt wie uns. Sie schenkte uns jenen unmessbaren Teil ihres großartigen Schöpfungswerks, der uns von nichtswürdigen Menschen geraubt wurden.


27. Kapitel

Darf ich es wagen, euch in euren Gedanken zu stören und mit euch auf dem Ausflugsort vom Vormonat, dem Gold- (oder auch Johannisberg) zu verweilen, um noch weitere alte, aber beinahe schon verblasste Erinnerungen aufzufrischen? Mir ist im Leben kaum einer begegnet, der sich nicht gerne schöner Stunden oder Tage aus seinen jungen Jahren erinnert. Bei unserem fortgeschrittenen Alter sind diese Stunden und Tage bestimmt des Erinnerns wert!

Der Goldberg war für die deutsche Bevölkerung von Olmütz-Stadt und Land, die sich schon damals sehr eingeengt fühlte, nicht allein ein ihr zugefallenes Gottesgeschenk, sondern auch ein Mittelpunkt ohnegleichen, denn alle auf dieser Höhe veranstalteten Festlichkeiten und Kundgebungen waren ihre Veranstaltungen, von ihr in einem großen Rahmen aufgezogenen und ausnahmslos von allen Schichten gefördert. Man kann nicht leugnen, dass Zeit und Menschen sich gewandelt haben und dass hier von allen Gewohnheiten und Bräuchen, die unsere Väter und Ahnen gepflegt haben, kaum noch eine Spur zu erkennen ist. Lasst mich deshalb weiterberichten!

Alle Körperschaften und Vereine, die damals sich um den „Bund der Deutschen Nordmährens“ (Nordmährerbund) scharten, machten sich eine Ehre daraus, für das Gelingen dieser Veranstaltungen Sorge zu tragen und den entstehenden Aufwand zu bestreiten. An dem vornehmsten Festakt der Sonnwendfeier (Johannisfeuer), welcher auf dem Osthang des Goldberges alljährlich stattfand, beteiligten sich auch alle Landsleute ohne Ausnahme. Die Beteiligung begann schon mit der Sammlung des für das Feuer erforderlichen Brennmaterials und ich erinnere mich noch, wie der damals noch ganz junge Lehrer Edmund Peschek die Bevölkerung aufforderte, alles irgendwie brennbare Gerümpel zusammenzutragen, das dann Richard Dočkal d. Ä. mit dem Leiterwagen auf den Berg hinauf fuhr und es dort sachverständig zu einem großen Haufen schlichtete. Unter Anteilnahme einer unübersehbaren Menschenmenge wurde bei Einbruch der Dunkelheit unter dem Jubel der Anwesenden der Holzstoß entzündet. Die zum Himmel hochsteigenden Flammen waren im ganzen Heimatgebiet zu sehen. Zur selben Stunde leuchteten zahllose Sonnwendfeuer aus dem Norden und Osten, von dort her, wo deutsche Menschen wohnten und sie mahnten wie unser Feuer zur Wachsamkeit. Nach den Ansprachen über den Sinn und Zweck der Feier durchbrachen tausende von Kehlen die Stille der Nacht mit den Liedern „Flamme empor“, „Wenn alle untreu werden“ und „Es braust ein Ruf wie Donnerhall . . .“ Viele andere deutsche Lieder erklangen noch und mahnten die Deutschen zur Heimatliebe, zum deutschen Denken und Handeln. (Kein Wunder, wenn die von den Siegern eingesetzten Gewalthaber diese Feier nach ihrer Machtergreifung verboten!) Studenten in ihren bunten Mützen und die Turner sprangen hernach über das niedergehende Feuer und nach Mitternacht begab sich der Großteil der Teilnehmer im Scheine von Lampions und Fackeln und unter Absingen froher Heimatlieder herunter ins Tal, von da aus gesehen ein unvergesslicher Anblick! Viele junge Menschen blieben noch um das Feuer geschart und erwarteten hier den Aufgang des Tagesgestirns. Der Zauber dieser Nacht hatte alle ergriffen und auch jene, die noch zur Schule gingen, sangen wo sie standen und gingen „Im Tal rauscht Johannisfest, ein Singen dir und Klingen . . .“

Auch das auf dieser Höhe alljährlich abgehaltene Sommerfest konnte man als ein Heimatfest größten Ausmaßes bezeichnen. Nicht geringe Vorbereitungen waren hierzu notwendig, um die bei einigermaßen günstigem Wetter herbeiströmenden vielen Tausende von Menschen aufzunehmen und bewirten zu können. Viele fuhren Bretter und Stangen auf den Berg und schon 8 bis 10 Tage vorher waren Zimmerleute mit dem Aufstellen der Bänke, Tische und Buden beschäftigt, wozu weit über 1000 Pflöcke eingeschlagen werden mussten. Das Olmützer Bräuhaus der brauberechtigten Bürgerschaft war auch schon am Platz, um die hier so Beschäftigten mit dem köstlichen Olmützer Bier zu laben: Schon früh beim Morgengrauen und ehe noch die Sonnenstrahlen die Erde trafen, hörte man die Beilhiebe und Hammerschläge der kräftigen, wie aus Eichenholz geschnitzten Zimmerleute und ihrer zahlreichen Helfer. Am Spätnachmittag aber suchte so mancher Mann Ruhe und legte sich neben Schlegel und Stemmeisen in das weiche Gras des Akazienwäldchens; auch die Frauen, die ihnen das Mittagessen zugetragen hatten, blieben hier und nahmen an den Freuden der Vorfeier lebhaften Anteil. Jeden Tag trieb die Neugier auch zahlreiche Menschen aus nah und fern auf den Berg, um sich hier vom Fortschritt und Umfang der Vorbereitungen zu überzeugen. Am Sonntag früh wurden die Speisen und Getränke, die Jux- und Scherzartikel u. a. m. auf den Berg gebracht, schließlich rückten auch die Gastwirte heran. Bald nach der Mittagsstunde kamen die ersten Leute und unter den Klängen einer Blasmusik sowie eines Schrammelquartetts wurde der Festplatz ein einziger Trubel, der erst am Montagmorgen ein gänzliches Ende fand. Eine Fröhlichkeit ohnegleichen herrschte unter den Deutschen des Olmützer Landes auf diesem einzigartigen Fleckchen Heimaterde. Am Spätnachmittag war kein Fleckchen Rasen mehr frei. Eine Militärmusik-Kapelle und zwei Zivil-Blasmusiken füllten die Luft mit fröhlichen, altvertrauten Klängen. Wirtsleute, Würstelbuden und Zuckerl-Standerln hatten alle Hände voll zu tun. Viel Hopfen und Malz hat müssen verbraut und viele Schweine hatten ihr Leben lassen müssen, um die hungrigen und durstigen Menschen zu atzen. Für die Kinder gab es damals das Sodawasser und die Kracherln, deren Korken noch bloß von einem Draht festgehalten waren und deshalb mit größter Vorsicht geöffnet werden mussten. Das Glücksrad war damals ein großer Anziehungspunkt, denn es konnten schöne Preise gewonnen werden. Auf dem Rasenplatz vor dem Fort war das Kaschperle, der Würstelbaum, das Sackhüpfen zu finden, Turnen und Spiel wurden hier vorgeführt. Vom Raketenstand auf dem Torwall wurde sodann gegen Abend das Feuerwerk abgebrannt und mit diesem das Sommerfest – das letzte fand im Jahre 1913 statt – beschlossen. Der Mord am Erzherzog-Thronfolger und der darauf folgende Krieg hatten dem Brauche ein vorzeitiges Ende bereitet.

Könnt ihr euch, ihr, meine gleichaltrigen Landsleute erinnern, wie schön es damals war und welche Freude es für uns alle bedeutete, in dieser Zeit leben zu dürfen? Ja, das war einmal und kommt nicht wieder!


28. Kapitel

Wollen wir einmal einen tieferen Einblick in die Vergangenheit unserer Heimat tun, dann müssen wir eben dazu einige freie Stunden aufbringen, um auch zu den kleinsten Einzelheiten, die uns lieb und teuer sind, zu gelangen. Wie euch doch allen bekannt ist, sind schon an die 800 Jahre vergangen, seit sich eine Anzahl deutscher Bauern auf dem damals brach liegenden Gebiet von Nimlau sesshaft gemacht haben; sie haben damals das Dorf Nimlau, das aus 42 Ansässigkeiten bestand, fachgerecht in der Richtung von Norden nach Süden auf dem Fuß des leicht ansteigenden Lösrückens angelegt und das hierzu erforderliche Material, den Lehm, an Ort und Stelle in reichlicher Menge vorgefunden. Viele stillgelegte und noch bis in die letzte Zeit benützte Lehmgruben, sowie da und dort noch erhaltenes „Patzen“-Mauerwerk zeugten davon. Wollen wir uns jene Zeit vergegenwärtigen, müssen wir die uns letztbekannten Besitzer der 42 Bauernstellen kennen.

Es waren:
Nr. 1 Steffe M.; Nr. 2 Doležel Fr.; Nr. 3 Atzler R.; Nr. 4 Tobias Fr.;
Nr. 5 Sauer R. (Schwarz Ad.); Nr. 6 Dočkal A.; Nr. 7 Holey R.; Nr. 8 Zbitek J.;
Nr. 9 Holey R.; Nr. 10 Melzer M.; Nr. 11 Heilich Th. (Pächter Indrak J.;
Nr. 12 Schindler O.; N;r. 13 Holey Ed.; Nr. 14 Domkapitularischer Meierhof;
Nr. 15 Zankel J. (später Matschak J.); Nr. 16 Melzer R.; Nr. 17 Schenk R.;
Nr. 18 Strnisko R.; Nr. 19 Michna E.; Nr. 20 Strnisko K.; Nr. 21 Dočkal R.;
Nr. 22 Strnisko L.; Nr. 23 Schenk R.; Nr. 24 Robačik J.; Nr. 25 Langer E.;
Nr. 26 Thomas Fr.; Nr. 27 König Ph.; Nr. 28 Strnisko J.; Nr. 29 Kluger R.;
Nr. 30 Dočkal F., Nr. 31 Thomas Cyrill; Nr. 37 Strnisko Fr.; Nr. 92 Schwarz F.;
Nr. 39 Fischer R.; Nr. 71 Melzer Ed.; Nr. 72 Kluger R.; Nr. 73 Sach L.;
Nr. 74 Meixner J.; Nr. 75 Frau Post (war früher eine Bauernstelle);
Nr. 76 Strnisko Ad.; Nr. 79 Pavlak Fr.

Bis gegen das Ende des 18. Jahrhunderts bestand unser Dorf aus diesen 42 Ansässigkeiten. Ihre Bauern hatten viel zu leiden, so 1613 durch die Pest, 1672 durch den verheerenden Dorfbrand und 1707 durch eine Hagelkatastrophe. Alle diese Schicksale konnten nicht verhindern, dass sich das Dorf immer wieder aus dem Elend erhob. Das Dorf und seine eingeborenen Menschen waren immer da und waren es auch bis zur Vertreibung.

Nach alle diesen Schicksalsschlägen begann für die Überlebenden der zweite Abschnitt der Dorfgeschichte, die bis zum Jahre 1878 während der Zeit der Vermehrung der Häuser von 42 auf 88 Hausnummern. Die bei den Bauern im Deputat beschäftigten Ortsbewohner machten sich auch hausgesessen. Weil die Bauern keinen Grund abgeben wollten oder konnten, wurden die neu erbauten Häuser (Häuseln) recht klein und enge aneinander gebaut, wenn auch die Gemeinde alles in ihren Kräften stehende zum Gelingen beitrug. Die weniger Vermögenden bauten mit Patzen (luftgetrocknete Lehmziegeln), die Kapitalkräftigeren mit gebrannten Ziegeln. Abgesehen davon, dass die Gemeinde schon zwischen 1700 und 1720 das Hirtenhaus Nr. 77 erbaut hatte, im Jahre 1780 die erste Schule (Nr. 32), um die gleiche Zeit das Gemeinde-Gast- und Einkehrhaus (Nr. 67), im Jahre 1836 die Ortskapelle, annähernd im gleiche Jahr das Armenhaus (Nr.70) und im Jahre 1861 die zweite Schule (Nr. 41) errichtete, ließ sie noch ihre hervorragendsten Schöpfungen, die neueste Schule und das Gemeindehaus, in den Jahren 1877/78 erbauen. Im Zuge der fortschreitenden Entwicklung wurden verkauft: das Hirtenhaus Nr. 77 dem Vater von Adolf Lontsch, das Gasthaus Nr. 67 dem Vater von Laurenz Matschak. Auch die beiden ersten Schulgebäude wurden verkauft. Nr. 41 gehörte Adolf Hudeček, Nr. 32 der Frau A. Kimmel (später B. Usarsky).

Die uns letztbekannten Hausbesitzer der in diesem Zeitabschnitt entstandenen Anwesen sind folgende: Nr. 32 Usarsky B.; Nr. 33 Vyvazil M.; Nr. 34 Thomas Fr.; Nr. 35 Hirschl O.; Nr. 36 Krbeček K.; Nr. 38 Psota J.; Nr. 40 Zankel Fr.; Nr. 41 Hudeček Ad.; Nr. 42 Neue Volksschule; Nr. 43 Grohmann O.; Nr. 44 Stratil A.; Nr.45 König M.; Nr.46 Zenčak J.; Nr. 47 Nemluvil Ludwig; Nr. 48 Bernhard A.; Nr. 49 Hudeček Fr.; Nr. 50 Citovsky Ad.; Nr. 51 Wolf R.; Nr. 52 Ripper J.; Nr. 53 Böhm Fr.; Nr. 54 Hanke Chr.; Nr. 55 Glauder W.; Nr. 56 Klement R.; Nr. 58 Endl J.; Nr. 59 Atzler R.; Nr. 60 Rišavý A.; Nr. 61 Sach Fr.; Nr. 62 Kluger J.; Nr. 63 Kluger R. (alte Schmiede); Nr. 64 Johannes Ad.; Nr. 67 Witonsky Ed.; Nr. 66 Melzer Ed.; Nr. 67 Matschak L.; Nr. 68 Sach Andr.; Nr. 69 Melzer Fr.; Nr. 70 Armenhaus, Nr. 80 Pavlak Al.; Nr. 81 Blanarsch R.; Nr. 82 Navratil Al.; Nr. 83 Pospischil M.; Nr. 84 Rudolf And.; Nr. 85 Zwacek Fl.; Nr. 86 Atzler F.; Nr. 87 Bahnwärterhaus (Koschuschein); Nr. 88 Bahnwärterhaus (Nimlau).

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts begann eine neue Bautätigkeit. Neubauten und zwar Häuslerstellen mit einer kleinen Landzulage mehrten sich und Anfang der zweiten Hälfte diese Jahrhunderts hat ein Großteil der Bauern ihre Häuser umgebaut, die Schindeldächer durch Naturschiefer ersetzt und dem ganzen Dorfe ein neuzeitliches ,angenehmes Gepräge gegeben. Gegen das Ende der letzten Friedensjahre wurden auch noch etliche Häuser geteilt, einige neue hinzugebaut, da die Einwohnerzahl ständig zunahm. Es entstanden noch folgende Häuser: Nr. 89 Wymazal Th.; Nr. 90 Sauer Blasius; Nr. 91 Hlawatsch F.; Nr. 92 Schwarz F.; Nr. 93 Gemeindehaus; Nr. 94 Stiastny Ottilie; Nr. 95 Krbeček L.; Nr. 96 Bahn-Wartehalle; Nr. 97 Nawratil J. und A.; Nr. 98 Sklenač J.; Nr. 99 Haas J.; Nr. 100 Hanke Ad.; Nr. 101 Kohn J.

Will man sich über die Anbaumethoden in den vergangenen Zeiten ein Bild machen, so muß man sagen: Bis zum Jahre 1891 – der Auflassung des Schießplatzes – wurde wegen der stark entwickelten Viehzucht das ganze untere Ortsried östlich vom Dorf für die Gemeinde Nimlau und die angrenzenden Gemeinden als Hutweide gehalten. Noch in der Mitte des 18. Jahrhunderts war die Dreifelderwirtschaft im Schwange. Das Ackerland wurde in 1 Drittel Brache, 1 Drittel Sommersaat und ein Drittel Wintersaat eingeteilt. Außer den geringen Mengen von Hackfrucht wurde Getreide, Hirse und Hanf gebaut. Mit dem stärkeren Anbau der Kartoffel, später der Zuckerrübe und zuletzt der Frühkartoffel reifte allmählich eine neue Zeit, neue Wirtschaftsmethoden und neue Lebensbedingungen heran.

Schließlich wurde auch die ehemalige Hutweide im Jahre 1892 an 28 Bauern, 14 Gärtler, 39 Häusler und die Gemeinde „in corpore“ verteilt. Der letzte Zeitabschnitt hob an. Bisher ungesessene und kinderreiche Familien konnten nun auch ein Stück Land besitzen und aus ihm das Beste herausholen. Die Heimat wurde wertvoller und so recht das kostbarste Gut eines jeden Ortsbewohners. Das Verbrechen der Vertreibung machte aber aus den Nimlauern heimatlose Menschen. Drüber, wie unser Kinderland zugrunde gegangen ist, wollen wir uns später einmal unterhalten.


29. Kapitel

Ein altes Sprichwort sagt, dass alle Wege nach Rom führen, aber der Weg den ich heute mit euch gehen will, ist nicht einer von denen, es ist der gleiche Weg, den wir alle gegangen sind, nämlich der Weg zur Schule. Er war für jeden verschieden weit, es war ein Kommen und ein Gehen. Mein Weg aus der Pantschocha betrug in den 8 Jahren rund 5000 Km, und die Zeit, die ich dort auf den harten Bänken verbringen musste, betrug ungefähr 10 000 Stunden. Es ist kaum zu glauben, aber es kann sich jeder selbst diese Zeit in die Erinnerung zurückrufen. Die Nimlauer Schule konnte man als die Krone des Dorfes bezeichnen und den Lehrkräften kann man noch heute die vollste Anerkennung aussprechen. Sie waren ja gar nicht von der Gemeinde wegzudenken. Sie erfreuten sich großer Beliebtheit wie sie sich ja auch um sie Verdienste erworben hatten. Während meiner Schulzeit in den Jahren 1906 bis 1914 waren an der Nimlauer Volksschule tätig: Anna Anders, Wilhelm Giebel, Leopold Kwietschela, Edmund Peschek und Oberlehrer Alois Felkel. Bei meinem Schulantritt im Jahre 1906 gab es noch keine „Tüten“ (welch schreckliches Wort!) mit Bonbons zum ersten Schultag, aber dafür war unsere Lehrerin Anders mehr als viele Sackeln mit Zuckerln wert, sie war eine Kinder und Ordnung liebende Frau. Aus vollstem Herzen bemühte sie sich, ihren Schützlingen alle Tugenden sowie das Lesen und das Schreiben anzuerziehen bzw. anzulernen. Und das letztere kostete damals viel viel Mühe, denn das Schönschreiben wurde ganz groß geschrieben. Die tadellose Form der Schrift, Haar- und Schattenstriche waren das Wesentlichste. So lieb und gut sie war, so streng konnte sie auch sein und das war für die spätere Schulzeit von größter Bedeutung. Wie eine gute Henne war sie um ihre Kücken besorgt und gab ihnen nicht zuletzt die für das weitere Fortkommen in der nächsten Klasse erforderlichen Elementarkenntnisse auf gründlichste Art. Sie hat später den Olmütz-Powler Oberlehrer Adolf Pika (welcher in Olmütz-Neustift „Bei der Kapelle“ ein Einfamilienhaus besaß) geheiratet und damit unserer Schule und Gemeinde verlassen, erlag aber bald darauf einem unheilbaren Leiden. Unter großer Teilnahme aller Nimlauer wurde sie auf dem Neustifter Friedhof zur ewigen Ruhe gebettet. Die selbst schon zu Greisen gewordenen Schüler können sie heute noch nicht vergessen.

Der zweiten Klasse stand damals der noch sehr junge Lehrer Peschek vor. Er war ein Lehrer, den man wohl kaum mit einem anderen Kollegen unseres Gebietes vergleichen konnte. Sein Bestreben war, uns immer und immer wieder lernen zu lassen, damit wir nicht allein den Lehrplan für die Volksschule und die dazu gehörigen Stoffsammlungen, sondern ein noch darüber hinausragendes Wissen in uns aufnahmen. Ich bin 4 Jahre zu ihm in den Unterricht gegangen und kann mit Fug und Recht sagen, dass er ein guter, tüchtiger und gerechter Lehrer war. Unbekannt weswegen wurde er eines Tages nach Pohorsch versetzt und während dieser Zeit von den Lehrern Giebel und Kwitschela vertreten. Beide hatten eine etwas ruhigere Natur und wurden deshalb auch von den größten Spitzbuben vergöttert. Ich habe für beide viel Sympathie gehabt und mich in späteren Jahren gerne ihrer erinnert. Oberlehrer Felkel, der Gemeindevorsteher Andreas Strnisko und der Ortsschulrat schritten jedoch beim Bezirksschulrat in Olmütz wegen Rückversetzung des Lehrers Peschek ein. Sie hatten Erfolg und die ganze Bevölkerung war darob von großer Freude erfüllt; Lehrer Peschek wurde sogar an der Nimlauer Volksschule definitiv angestellt. Über den weiteren Verlauf unserer Schulzeit unterhalten wir uns wieder in der übernächsten Nummer.


30. Kapitel

Die Natur reicht uns die Hand und begleitet uns auf dem Weg, den sie für uns gekennzeichnet hat. Wald und Feld sind mit den schönsten Farben die der Herbst aufzuweisen hat bekleidet, und ein tiefes Schweigen rings umher ist unverkennbar. Durch dieses Geschehen wird jedes menschliche Herz dazu bewegt, die vor uns stehenden Feste Allerheiligen und Allerseelen zu würdigen, wie es unsere toten Angehörigen, die in aller Welt zur ewigen Ruhe gebettet wurden, verdienen. Vor dem Fest Allerheiligen erwachen in mir jedes Jahr Erinnerungen und ich sehe die Bilder eines kleinen Ausschnittes meines Lebens vor mir, die ich euch in ganz kurzen Zügen berichten. Im 2. Weltkrieg, am 16. Oktober 1944, gleich am ersten Tag meines Einsatzes gegen die Partisanen in der Slowakei unweit der Stadt St. Nikolaus, wurden wir wegen starken Nebels am Kampfe gehindert. Ein Spähtrupp aus drei freiwilligen Kameraden, dem Hauptfeldwebel Vogel aus München mit zwei Mann, machte sich auf den Weg zur Erkundung des Geländes. Kaum hundert Meter entfernt wurden sie von einem Spähtrupp des Gegners überfallen, der Hauptfeldwebel wurde schwer verletzt und die zwei Mann gefangen. Ein daher fahrender Zivilist überbrachte uns die Nachricht, dass auf der Straße ein verwundeter Soldat liege. Er wurde von zwei Mann auf einem zweirädrigen Karren abgeholt. Ein furchtbares Leid bewegte jeden einzelnen Mann unserer Abteilung beim Anblick unseres Hauptfeldwebels. In seinem Antlitz waren seine furchtbaren Schmerzen und der nahe Tod unverkennbar. Der Verlust unseres so hoch geschätzten Hauptfeldwebels Vogel, der wahren Mutter der Kompanie, ging jedem Einzelnen sehr nahe zumal er jederzeit in der Lage war, durch sein gewinnendes Lächeln und seinem bayerischen Humor die Kompanie bei bester Laune zu erhalte. Er war für uns ein kaum zu ersetzender Vorgesetzter, ein solch prächtiger Mensch, wie einem solche im Leben selten begegnen. Nach Auflösung des Nebels folgte ein drückend heißer Tag: Die Last, die ich zu tragen hatte und das Leid, das mein Herz bewegte, waren sehr schwer, Schweiß und Tränen vereinten sich, erfülltem mein Gesicht und benetzten den harten Weg, den wir gehen mussten. Das immerwährend vor meinen Augen erscheinende Bild des eben dahinscheidenden Kameraden ließ mich die nächsten Tage kaum zur Ruhe kommen.

Am 21. Oktober wurden wir vor dem Überschreiten der Niederen Tatra durch ein Bataillon junger Soldaten verstärkt. Uns, der MG-Abteilung, wurde ein junger hochgewachsener und kampferprobter Unteroffizier zugeteilt. Auf seiner Brust waren die Zeugnisse seines Soldatentums ersichtlich und bald hatte er auch die Treue und Anhänglichkeit seiner Soldaten gewonnen. Nach kaum 24 Stunden Kampf in diesem waldreichen Gebiet wurde dieser wie aus Ebenholz geschnitzte Unteroffizier das Opfer eines hinter einem Baume versteckten Partisanen. Ein einziger Schuss aus dem Hinterhalt und er lag tot vor unseren Füßen. Kaum zwei Sekunden später wurde dieser Mörder, so kann man doch wohl sagen, durch einen ebenso wohlgezielten Schuss eines ehrlich kämpfenden Soldaten in unseren Reihen dahingestreckt. Es blieb keine Zeit ein Grab zu schaufeln, nur das Laub und Moos wurde beiseite geschafft und der noch warme Körper unseres Kameraden auf die kühle Erde gebettet, mit Tannengrün zugedeckt. Durch ein aus einem Ast hergestelltes Kreuz und den Stahlhelm wurde seine Ruhestätte gekennzeichnet. Mir selbst fehlte die Kraft hierbei mit Hand anzulegen, vom Leid gequält brachte ich keinen Laut über die Lippen. Nach acht Tagen harten Kampfes war unser Auftrag erfüllt und wir kehrten zum Ausgangspunkt St. Nikolaus zurück. Am darauf folgenden Tag, dem Fest Allerheiligen, gingen wir zum Grabe des inzwischen verstorbenen Hauptfeldwebels Vogel auf dem Friedhof von St. Nikolaus. Auch hier war es mir nicht möglich die Tränen zu unterdrücken, sie sollen für immer sein Grab erweichen! Ich werde dem Hauptfeldwebel und dem Unteroffizier ein immerwährendes Andenken bewahren.

Meine lieben Angehörigen der gefallenen Väter, Söhne und Brüder, betrachtet diese Gräber als die Gräber der euren, benetzt sie mit euren Tränen, denn die Erde, welche sie bedeckt, ist die gleiche, die ungezählten Opfer dieses Krieges bedeckt!

Auch wollen wir, auf dass sich unsere Gedanken vereinen, gemeinsam im Geiste den Friedhof zu Schnobolin in der alten Heimat besuchen und allen Lieben, die wir dort zurücklassen mussten, unser Gebet widmen.


31. Kapitel

Wir wollen den von mir getretenen Weg zur Nimlauer Volksschule wieder fortsetzen: Als Lehrer Peschek von Pohorsch wieder nach Nimlau zurückversetzt wurde, war ich noch Schüler der 2. Klasse. An seiner Strenge hatte sich während seiner Abkommandierung nichts geändert. Er war daher zu jeder Zeit eine Stütze des schon recht alten Oberlehrers Alois Felkel, welcher in der 3. Klasse unterrichtete und damit auch die schwerste Aufgabe zu erfüllen hatte. Er stand sehr oft vielen, schon in den Flegeljahren stehenden, Schülern machtlos gegenüber und so fiel gar oft Lehrer Peschek die Augabe zu, die sonst seiner Reichweite entzogenen Flegel noch vor deren Austritt aus der Schule exemplarisch zu bestrafen und ihnen auch, wenn nötig, eine ausgiebige Tracht Prügel zu verabreichen. Meine Lieben, habet kein Mitleid mit den also so Bestraften, denn alle damals erfolgten Strafmaßnahmen waren von höchster Notwendigkeit! Diese Prozeduren waren länger andauernde Operationen an einigen im letzten Schuljahr stehenden Schülern, bei denen der Unwille und die Ungezogenheit stark überhand genommen hatten. Auf einen harten Klotz gehörte eben ein harter Keil! Ich selbst hatte zu meiner Freude das Vergnügen beinahe vier Jahre, erst in der 2. Klasse und später in der 3. Klasse bei Lehrer Peschek den Unterricht zu genießen. Als Lehrer und später als Oberlehrer wurden ihm in seiner fast vierzigjährigen Lehrtätigkeit, das war von 1906 bis 1945, für seinen gestrengen aber gerechten und guten Unterricht namentlich von den kinderreichen Familien Dank und Anerkennung zum Ausdruck gebracht. Alle, mitunter harten, Erziehungsmaßnahmen wurden vergessen und alles, was seine zahlreichen Schüler von ihm auf den Lebensweg mitbekommen haben, wurde für sie im weiteren Leben von unschätzbarer Bedeutung. Es ging ja auch die Schulzeit in der 2. Klasse schon für uns mit größten Erfolgen zu Ende. Ich und alle Mitschüler- und Mitschülerinnen stiegen mit einem umfangreichen Wissen und Können in die 3. Klasse auf. Mit bewegtem Herzen begrüßte Oberlehrer Felkel nach den Sommerferien seine neuen Schüler in der 3. Klasse, denn von Jahr zu Jahr wurde so seine Aufgabe leichter. Er war auch von sehr weicher Natur und zog es vor, sich den Genuss einer ruhigeren und angenehmeren Unterrichtsstunde zu verschaffen, so dass er sich oft von uns überreden ließ, den Stundenplan zu ändern und eine Singstunde mehr anzusetzen. Wir Schüler konnten uns nun in seiner so erbetenen Singstunde an unseren so schönen heimischen Volksliedern – über die Muttersprache, Heimatliebe, Freundschaft u. a. m. – erfreuen. Auch Oberlehrer Felkel war über die uns unvergesslichen Melodien und Worte zutiefst gerührt und das Weinen lag ihm dabei näher als das Lachen. Dieselben Lieder wurden immer wieder auf unserem Lebensweg bei freudigen wie feierlichen Anlässen gesungen und sind besonders heute für uns ein kostbares Gut und Vermächtnis, weil wir sie hierzulande nicht mehr zu hören bekommen. Das Lied vom Prinzen Eugen war geradezu aus seinem und unserem tiefsten Inneren. Er, der als Feldwebel unter dem Doppeladler gedient hatte, sagte dabei immer etwa wie: „Das war ein Held. Er war es, der die Türken bei Peterwardein aufs Haupt schlug und das Abendland vor den türkischen Massakers bewahrte.“

Ich und einige Schüler wurden über Ansuchen der Eltern im letzten halben Jahr vom Schulbesuch befreit. Ein für mich unvergesslicher Augenblick war es, als ich und die Christine Tschech (Frau Kohn) zu gleicher Zeit das Entlassungszeugnis abholten. Wir wurden vom Oberlehrer Felkel selbst mit den besten Wünschen für unseren weiteren Lebensweg bis an den Ausgang des Schulvorgartens begleitet. Hiermit ist der lange, aber kurz geschilderte Schulweg beendet. Ich will allen meinen, auch jüngeren, Mitschülerinnen und Mitschülern auf diese Weise herzliche Grüße übermitteln. Ich und sie alle sind diesen gleichen Weg gegangen.


32. Kapitel

Nach dem geschilderten Weg zur Schule in unserer alten Heimat habe ich auch Anlass, auf die darauf folgenden Jahre einen Rückblick zu werfen. Nicht nur für mich, auch für alle Einwohner von Nimlau, die früher oder später die gemeindliche Volksschule besuchten, werden immer wieder Bilder in Erscheinung treten, die jeden veranlassen oder ermahnen, unseren Lehrkräften, die es mit uns bestimmt gut gemeint haben und uns viel Wissen für das weitere Leben mitgaben, zu danken. Es war seinerzeit kaum einem von uns gegönnt, dies in gebührender Weise zu tun. Vielleicht wäre es auf diesem Wege möglich, dass ich in eurem Namen allen Lehrkräften, die in der Schule zu Nimlau tätig waren, Dank und Anerkennung ausspreche. Nicht vergessen darf ich hier auch die „Kindertante“, Fräulein Teltschik, die als Leiterin des Kindergartens den kinderreichen Müttern große Sorge abgenommen hat. Auch ihr müssen wir unseren herzlichen Dank zum Ausdruck bringen. Hierbei muss ich noch darauf hinweisen, dass unsere Schule mit sehr guten Lehrkräften versorgt wurde. Sie waren alle ein untrennbares Glied der Heimat- und Dorfgemeinschaft, die nicht allein ihre Kraft der Schule zur Verfügung stellten, sondern auch der Ortsbevölkerung in allen erdenklichen Angelegenheiten halfen. Ein Dorf wie Nimlau, das sozusagen an der Grenze des deutschen Sprachgebietes gelegen und durch seinen landwirtschaftlichen Charakter mit Arbeit überladen war, bedurfte die Hilfe der Lehrerschaft besonders dann, wenn es galt, die gewaltsamen Übergriffe der tschechoslowakischen Behörden abzuwehren oder auf ein Mindestmaß zu reduzieren. Wir stehen wieder vor dem schönsten Fest des Jahres, dem Fest der Liebe, dem Weihnachtsfest. Gerade in dieser zeit führen mich immer wieder die Gedanken in die Heimat, und es drängt mich, dieses Fest euch mit den Sitten und Gebräuchen der Heimat zu beschreiben. Es herrschte auch damals noch Liebe und Freude in unserem Dorfe. Ich muß es mit Bedauern aussprechen, dass ich das Weihnachtsfest hierzulande in unserer überlieferten, altgewohnten Innigkeit nicht mehr zu sehen bekommen habe. Freilich muß ich auch zugeben, dass ein erheblicher Teil der Festlichkeit im Dorfe und so auch die Festveranstaltungen um das Weihnachtsfest von den Lehrkräften gefördert wurden und auch unter ihrer Beteiligung stattgefunden haben. Immer war es der Oberlehrer oder einer der Lehrer, der an die Bevölkerung herantrat, ihre Herzen und Hände öffnete, um der Jugend ein schönes wie würdiges Fest zu bereiten. Schließlich zeigte auch die Gemeindevertretung ihre offene Hand und so konnte jedes Jahr durch die Gebefreudigkeit aller Einwohner eine Weihnachtsbescherung größeren Ausmaßes durchgeführt werden. Es konnten daher alle Schulkinder bedacht und sehr viele hilfsbedürftige Kinder mit warmen Winterbekleidungsstücken versorgt werden. Feste und Veranstaltungen solcher Art sind für mich und bestimmt für viele der Eltern heute fremd und unbekannt. Vor allem fehlt heute die vorbehaltlose Nächstenliebe, so dass das Weihnachtsfest, das wir kennen und meinen, für uns den Verlust der Heimat als weiterer schwerer Verlust zu buchen ist. In der alten Heimat waren Lehrer und Schüler jederzeit alle Vorsorge zu tun bereit, um ein volles Gelingen des Festes zu sichern; sie haben die im Festsaale versammelten Einwohner mit Spielen, Szenen, besinnlichen wie fröhlichen Vorträgen und Weihnachtsliedern erfreut. Nicht nur ich, auch alle älteren Nimlauer, werden sich dieser Feste mit Freude, aber auch ob des so schmerzlichen Verlustes dieser Freude mit Wehmut erinnern.


33. Kapitel

Die Glückwünsche, die sich die Menschen alljährlich zum Jahreswechsel entbieten, sind für viele unserer Freunde nur eine leere Hoffnung geblieben. Eine Anzahl Bürger unseres lieben Nimlau sind Gesundheit und ein langes Leben im vergangenen Jahr eben doch nicht beschieden gewesen. Sie haben für immer von uns Abschied genommen und ich bitte euch alle, sie in gutem Andenken zu behalten. So verliert die schon ziemlich zusammengeschmolzene Dorfgemeinschaft ein Mitglied nach dem anderen. Darum richte ich an euch alle die Bitte, jede Gelegenheit zu nützen, mit den anderen die Fühlung aufzunehmen und sie nicht wieder abreissen zu lassen. Der Mensch, der die angestammte Heimat vergisst, vergisst auch die Menschen, die einst mit ihm dort wohnten. Einem Großteil der älteren Bürger die mit uns Haus und Hof verlassen mussten war es aus Altersgründen, oder weil sie gesundheitlich nicht mehr so recht auf der Höhe sind, versagt an dem letzten Treffen der Olmützer teilzunehmen.

Ich werde, soweit es Zeit und Gesundheit erlauben, versuchen auch im kommenden Jahr in den Spalten der „Olmützer Blätter“ mit euch über unser Dorf und seine Menschen zu plaudern. Vieles liegt freilich schon weit zurück und Namen und Gesichter verblassen in der Erinnerung. Wir, die wir damals Kinder waren, sind nun schon Großeltern geworden. Welche Freude herrschte in unserer Jugendzeit, wenn wir morgens erwachten und das ganze Land war in ein Winterkleid gehüllt. Unsere Eltern weckten uns schon früh mit den Worten: „Freut euch Kinder, es fällt Schnee!“ Auch in der Schule sangen wir Lieder auf den Winter und seine Freuden. Wie wurden die Kinder beneidet die einen Rodelschlitten hatten. Oft erbarmte sich der Vater oder der ältere Bruder und nagelte einen Rodler aus Brettern zusammen. Dann begann lebhaftes Treiben auf Königns Bergl. An einem solchen Wintertag, da ruhte die Arbeit im Dorfe und alt und jung war versammelt. Die Kinder, die keinen Schlitten hatten, mussten sich bescheiden auf der „Tschunder“ genügen lassen. Freilich ging das über das Schuhwerk und so sahen es Vater und Mutter gar nicht gern, wen man zuviel tschunderte. Man versprach dafür, im Sommer schon sehr bald barfuß zu laufen und so die Schuhe wieder einzusparen. Die Landsleute Sbitek, vor deren Haus der größte Trubel sich abspielte, waren die Glücklichsten in der Runde. Natürlich durfte der überlebensgroße Schneemann im Dorfe nicht fehlen. Der Stolz der Bauern im Dorfe war der große buntbemalte Schlitten mit hochgebogenen Kufen. Schon die Vorfahren hatten dieses winterliche Gefährt sorgsam gepflegt und den Sommer über gut aufbewahrt. Wenn die Schneedecke es zuließ, rüstete man zu einer Schlittenpartie. Die Pferde und das Geschirr mussten funkeln, dass es nur seine Art hatte. Und mit Schellengeläut ging es dann in die winterliche Landschaft dahin. Lustig wieherten die Pferde, als wollten auch sie ihre Freude an dem schönen Tag zum Ausdruck bringen. Man hatte vorher noch das reichhaltige übliche Mittagessen eingenommen. Rauchfleisch, Sauerkraut und Griefenknödel oder knusprig gebratene Leber- und Graupenwürste mit eingebrannter Erdäplkasch und war so auch in leiblicher Hinsicht gut vorbereitet. Freilich durfte nur ein kräftiger Mann die Zügel führen um zu verhindern, dass die ausgeruhten Pferde zu übermütig ins Zeug gingen. So fuhren die jungen Burschen und Mädeln zum Dorf hinaus in die benachbarten Orte, über die Neustift und Powel, durch Schnobolin nach Nebotein. Allesch mit Rum sorgten dort dafür, dass man sich innerlich wieder aufwärmen konnte und um den Promille-Gehalt brauchte man sich bei den vorgespannten zwei PS damals keine Sorgen zu machen. Über Nedweis und Gießhübel gings zurück nach Nimlau. Auf dem Stehplatz hinten auf dem Schlitten stand ein Mann, der seine vier Meter lange Peitsche über die gallopierenden Pferde und über der jauchzende Jugend schwang. Diese lange Peitsche schwingen konnte wie keiner der Gastwirt Richard Sauer, Haus Nr. 5, der alte Sauer-Vetter, er war wohl der letzte Nimlauer, der diese Kunst brauchgerecht beherrschte.

Die alte Bäuerin Pauline Dočkal, Haus Nr. 6, die Großmutter der Landsmännin Dočkal (Frau Meixner) pflegte oft zu erzählen, wie ihr Sohn Richard Dočkal, Haus Nr. 21, bei einer Schlittenpartie, bei der er selbst die Zügel führte und sein Schwiegervater, der Sauer-Vetter, die Peitsche knallte, bei starken Schneeverwehungen auf der Landstraße gegen die March hin den vollgeladenen Schlitten in den Straßengraben umwarf, weil die Pferde scheuten. Erst ganz in der Nähe der March konnte er sie beruhigen. Es war zum Glück nichts Ernstliches passiert. Man war mit dem bloßen Schrecken davongekommen. Ja, so war es im Winter bei uns daheim.


34. Kapitel

Wollen wir diesmal von der fröhlichen Faschingszeit miteinander reden. Ihr habt es ja alle noch, wenigstens die älteren unter uns, selber miterlebt, wie es daheim war. Die schöne Erinnerung ist überhaupt etwas Wundervolles, denn sie ist es, die oft und oft ein heiteres oder auch verträumtes Lächeln hervorrufen kann, je nachdem. Wir waren auch eine gute, ja geradezu vorbildliche Dorfgemeinschaft. Und wenn die Bürger der Stadt Olmütz ihre Faschingsveranstaltungen aufzogen, so standen wir Nimlauer auch nicht nach, wenigstens nicht in der Hinsicht, was die Stimmung betrifft, wenn wir uns auch schon im Aufwand und im Umfang nicht messen konnten. Freilich lang ist es schon her, seit wir das letzte Mal unbeschwert und voller Fröhlichkeit daheim Fasching feiern konnten in Ausgelassenheit vom Dreikönigstag bis zum Aschermittwoch. Alljährlich lud die Freiwillige Feuerwehr unserer Gemeinde die Bevölkerung zu ihrem Ball zur letzten Fasching ein. Ganz besonders mit Spannung erwartet wurde dieses Ereignis auch immer von den Burschen und Mädeln des Dorfes, die daran teilnehmen durften. Sogar die Haustiere mussten an dieser Freude teilhaben, denn die Knechte und Mägde taten an diesem Abend das beste Futter in die Krippen, das es auf einem mährischen Bauernhof gab. Kurz, das ganze Dorf war auf den Beinen und ein jeder trug nach Vermögen zum Gelingen der Veranstaltung bei. Phantastische Mengen an Spenden in Naturalien und Geld gingen beim Festkomitee ein. Lange ehe die Musik noch den ersten Takt anstimmte, war der bunt geschmückte Saal bis auf das letzte Plätzchen gefüllt und das befeuerte natürlich auch die Musik zu fleißigem und temperamentvollem Aufspielen. Und dann ging es im Walzertakt durch den Saal bis Mitternacht, bis zur großen Pause. Wenn dann alles gestärkt und gesättigt war, kam der beste Walzer dran zur Damenwahl. Und der darauf folgende Straußwalzer für die Herren trug nicht minder zur großartigen Stimmung bei. An goldenen und silbernen Faschingsorden war kein Mangel und lange noch erinnerten diese dann im Jahresablauf an die damals so schön verbrachten Stunden. Getanzt wurde alles, Walzer, Polka, Schottisch und Doppel-Ländler und sie zwangen schließlich jeden dazu, Rock, Weste und Kragen, eines nach dem anderen abzulegen, ja auch manches Mieder musste zur vorgerückten Stunde etwas gelockert werden, damit man die rauschende Ballnacht überlebte. Ehe noch der Morgen graute, wurde zum Polstertanz geblasen. Der stellte die Lachmuskeln auf die letzte und schwerste Probe. Es war auch ein zu komischer Anblick, wenn sich das solotanzende Paar knieend oder auf dem Boden liegend küsste. Nachdem dies vorbei war, dämmerte allmählich der Morgen herauf und die Älteren dachten an das Heimgehen. Sie holten Ihre Päckchen mit Backwerk und Schaumrollen, das sie den Kindern mit nach Hause nahmen, und verabschiedeten sich von Freunden und Bekannten herzlich. Alle waren einer Meinung. Es musste jetzt etwas getan werden, um den arg strapazierten Magen wieder einzurenken. Die Frau vom Atzler Raimund holte eine große Schüssel Sulz, das fachgerecht zubereitet und gegessen wurde. Der Wirt stellte auch noch ein kleines Faß Russen oder Russenkraut zur Verfügung und das hat die angerichteten Schäden wieder weitgehend behoben. So war es beim Nimlauer Feuerwehrball. Ihr erinnert euch doch noch?


35. Kapitel

Meine lieben Landsleute! Ja, nun heißt es auf die fröhliche Faschingslaune wieder ein Jahr vergessen. Andere Ereignisse im Kirchenjahr drängen sich in unser Bewusstsein. Da ist zum Beispiel der St.-Josef-Tag am 19. März, der im bäuerlichen Leben bei uns daheim eine große Rolle spielte. Er bedeutete daheim immer den Aufbruch zur Frühjahrsarbeit. Natürlich fand auch eine kirchliche Andacht in der Ortskapelle statt und dabei betete das gläubige Landvolk unserer Gemeinde inbrünstig um Gottes Segen für die bevorstehenden Arbeiten, ganz besonders aber um gutes Gedeihen für die Saat. Ich darf hier wohl anführen, dass dieser festliche Auftakt jeweils zum Teil von der Gemeinde und dann auch von den Bauern Eduard Holei, Johann Indrak und Josef Meixner organisiert wurde. Danach gingen die alten Bauern nach alter Sitte hinaus auf die Felder. Sie suchten sich einen Platz aus, von wo man die beste Übersicht hatte und gaben den Segen, den sie aus den Händen des Geistlichen empfangen hatten, an alle Felder der Gemeinde weiter. Um diese Jahreszeit lagen manchmal die Felder noch grau und kahl da und warteten auf das Saatgut. Schon Ende Feber traf man die notwendigen Vorkehrungen zur Vorkeimung der Frühkartoffeln. Wieviel Sorgfalt diese Arbeit verlangte, wissen wohl die wenigsten Olmützer Stadtleute, die dann im Juli diese Kartoffeln mit großem Appetit verspeisten. Die Saatkartoffeln wurden in Körben in einen warmen Raum gestellt und dann von der Bäuerin, von Knechten und Mägden auf Gesundheit, Größe und Keimfähigkeit untersucht und sortiert, nachdem die alten Keime abgebrochen worden waren. Die für gut befundenen wurden in bereitgehaltene Körbe mit dem Kopf nach oben eingelegt. Nun stellte man auch diese Körbe wieder in einen warmen, womöglich noch verdunkeltem Raum. Nach ungefähr 14 Tagen war die Vorkeimung beendet und nun hieß es, die Körbe mit dem Saatgut in einen kühlen Raum zu bringen. Es ging darum, nicht lange, sondern kräftige Keime zu entwickeln. Natürlich musste nun das Frühjahr rechtzeitig mit günstiger Witterung einsetzen. Blieb das aus, wurden die Keime in der Mitte des Korbes zu lang und daher unbrauchbar. Um die Mitte der zwanziger Jahre führten die Bauern auf diesem Gebiet eine umwälzende Neuerung ein. Man verwendete von da ab Kisten statt der Körbe, in die die Saatkartoffeln nur in drei bis vier Lagen getan wurden. Dadurch wurde die Vorkeimung leichter überseh- und kontrollierbar. Ende Juni waren die Frühkartoffeln bereits auf dem Markt. Der Bauer wartete meist schon auf den aus dem Verkauf sich ergebenden Erlös und freute sich über den Lohn für seine Mühe bei der Aussaat.


36. Kapitel

„Christ ist erstanden!“ Könnte es eine freudigere und festlichere Stimmung geben? Im vielstimmingen Akkord der Osterglocken klang die frohe Botschaft alljährlich über das ganze Land. Der Sieg des Lichtes über die Finsternis ist ein Anlass, der die ganze Menschheit bewegt. Aus diesem Anlass möchte ich heuer alle Landsleute aus Nimlau, Gießhübel, Schnobolin und Nedweis, die ja daheim eine Kirchengemeinde bildeten, ansprechen. Wenn wir an die verlorene Heimat zurückdenken, wird uns nämlich bei diesem Anlass bewusst, dass wir nicht nur Haus und Hof, Grund und Boden und alle fahrende Habe verloren haben, sondern dass uns auch alle inneren Werte geraubt wurden, wie sie das Brauchtum unserer Vorfahren darstellten. Seit unserer Vertreibung haben wir Ostern nicht mehr so erleben können, wie wir es von daheim gewohnt waren. Der Ostersonntag war wohl der Höhepunkt unseres Festes. Die Bürger aller vier Gemeinden versammelten sich zum Kirchgang in Schnobolin. Alle, Erwachsene wie auch die Kinder, trugen ihr bestes Gewand und es entfaltete sich die festliche Prozession. Geführt von unserem unvergesslichen Oberlehrer Alois Felkel kamen wir nach Schnobolin, wo wir vom Pfarrer empfangen wurden. Mit dem von jungen Mädchen prächtig geschmückten Kreuz, das vom Bürgermeister getragen wurde, gingen wir unter absingen des Liedes „Großer Gott, wir loben Dich“ durch das Dorf bis in die Kirche zum Hochamt. Nach dem Hochamt versammelten sich die Männer und die älteren Burschen im Gasthaus des Rudolf Sauer und gingen dann von dort aus unter den Klängen altvertrauter Marschmusik heim nach Nimlau. Beim Bürgermeister spielte die Musik ein Ständchen und einer sprach Worte des Dankes an das Gemeindeoberhaupt für sein Wirken zum Wohl der Gemeinde. Dann erfolgte am Kriegerdenkmal die Ehrung der Toten, während die Musik das Lied vom guten Kameraden spielte. Vor dem Gemeindehaus sprach der Bürgermeister zu seiner Gemeinde und bat um weitere kameradschaftliche Zusammenarbeit.

Am Montag ging man schmeckostern. Dabei wurden die Röcke der Mädchen und Frauen mit Ruten und Rohrstöcken geschlagen. Die Kinder zogen durchs Dorf und sangen vor der Bäuerin: „Schöne Frau, komm lass dich peitschen, dass dich nicht die Flöhe beißen. Gib uns Eier, gib uns Kuchen und laß dich nicht hintern Ofen suchen!“ Am Nachmittag gings dann zu Tante und zur Taufpatin wo die Kinder reichlich beschenkt wurden. Die Mädchen erhielten von der Mutter oder Bäuerin die Eier, die von den Hennen Sonntag und Montag gelegt waren und sie kochten sie auf schnellstem Wege und versahen sie mit bunten Farben. Diese Eier schenkten sie den Burschen und der Allerliebste bekam noch ein Lebkuchenherz dazu. Dafür führte er sie abends zum Ostertanz ins Gasthaus.


37. Kapitel

Ich glaube, dass es nur sehr wenigen heimatvertriebenen Bauern gelungen ist, hier wiederum einen Hof zu bekommen und der altgewohnten Arbeit nachzugehen. Vielmehr war der größte Teil der alten und jungen Bauern gezwungen, eine für sie fremde Arbeit aufzunehmen. Sie, die einst als freie Menschen auf den von ihren Vorfahren ererbten Grundbesitz saßen, empfanden den Heimatverlust besonders schwer. Viele unserer Landsleute hat dieses Leid in ein frühes Grab gebracht. Ganz besonders das Frühjahr erinnert den der Scholle entfremdeten Bauer an seine verlorene Heimat und wendet seinen Blick zurück in die Vergangenheit. Welche Fülle von Arbeiten stürmten auf die Bauersleute der an die Stadt Olmütz angrenzenden Gemeinden ein! Die Stadtnähe ließ die deutschen Bauern unseres Ländchens vor allem Hackfrüchte anbauen. Die Frauen auf dem Olmützer Wochenmarkt verlangten alle Sorten von Gemüse, Kraut, Kohl, Gurken, Zwiebeln, Salat, Möhren, Petersilie usw. Dieses Gemüse wurde aber auch in die nahen Städte des Odergebirges geliefert und gerne gekauft. Ganz besonders gefragt waren immer die Frühkartoffeln. Es war nicht immer leicht, die Käufer in der Stadt zufriedenzustellen. Sehr oft waren es die Eisheiligen, die über Nacht alle Hoffnung der Bauern der Olmützer Sprachinsel zunichte machten. Aber selbst, wenn statt der Gefröste der Eisheiligen eine längere Regenperiode einsetzte, so hatte der Bauer und Gärtler nichts zu lachen, denn dann kam das Unkraut und überwucherte alles und die fleißigen Hände wurden seiner nicht Herr. Da haben auch die Nimlauer manchen Schweißtropfen vergossen, aber doch niemals resigniert. Nach dem Regen kommt wieder die Sonne, so sagt eine alte Bauernregel und die galt auch für uns. Wenn sie dann ein paar Tage so richtig kräftig vom wolkenlos blauen Himmel hernieder brannte, war das ausgehackte Unkraut bald verdorrt und die Frucht konnte wachsen und gedeihen. Man sage nicht, dass der Bauer keinen Sinn für die Schönheiten der Natur besessen habe. Auch er freute sich am jubelnden Lerchenlied und an dem bunten Blumenteppich seiner Wiesen. Heute muss er das alles entbehren. Obwohl noch hie und da einer unserer Landsleute bei der Arbeit in der Fabrik an die Maientage in unserem Olmützer Ländchen denkt?

Zum Todestag meiner Großmutter.
Christ ist erstanden! An diesem herrlichen Ostertage ging wohl die älteste lebende Nimlauerin in der neuen Heimat zu ihren Ahnen heim. Das waren die Gedanken, welche die Angehörigen der Frau Karolina Atzler an diesem Ostersonntage hatten, als sie an ihrem Sterbebette standen. Der Ostersonntag, das Fest der Auferstehung, war für unsere Verstorbene der Tag ihres Heimganges. Am 16. August 1868 geboren, erlebte die Heimgegangene viele gute und schlechte Jahre. Mit ihrem Mann, unserem Großvater Atzler Adolf, der in der weiten Umgebung allseits bestens beliebt und bekannt war, lebte sie einige Jahre in Gießhübel, dann in Nimlau im Hause Nr. 30, bis sie in das Haus ihrer Mutter, der Frau Grohmann in Nimlau 43, einzog und bis zur Vertreibung dort wohnte. Viel Leid hat die Verstorbene in ihrem Leben erfahren und durchstehen müssen. Am 2. Jänner 1915 starb ihre älteste Tochter, 14 Tage später ihre jüngste Tochter, während der Ehemann, unser Großvater, im Feld stand. Zwei blühende junge Menschenkinder, 24 und 10 Jahre alt, rissen durch ihr frühzeitiges Ableben die ersten großen Lücken in ihr Dasein. 1922 starb ihre Mutter, eine Greisin, und 1940 ihr Mann. Zwei große Weltkriege hat Frau Karolina Atzler überlebt und auch der schreckliche Verlust der Heimat konnte sie in ihrem Lebenswillen nicht hemmen. Ausgesiedelt wurde die Familie nach Kemnat, Kreis Esslingen am Neckar, wo heute noch ihr Sohn und Enkel lebt. 1951 zog Frau Atzler zu ihrer Tochter, Frau Kiescher, nach Schwenningen bei Donauwörth und erlebte in dieser Gemeinde ihre schönste Geburtstagsfeier, wo sie als Gemeindeälteste sehr geehrt wurde. Leider war ihr das dortige Klima wenig zuträglich und der andauernde Nebel des Donautales hat ihrer Gesundheit schwer Abbruch getan und sie konnte ihren Husten nicht los werden. Dies war auch der Grund, dass Frau Atzler mit ihrer Tochter, Frau Kiescher, im Mai 1961 zu ihrem Enkeln nach Sielmingen, Kreis Esslingen/Neckar, zog.

Wieder war die Atzler-Familie vereint, doch das Glück des Verbundenseins dauerte nur elf Monate, bis Ostersonntagabend der Tod die langjährige Leidende von ihrer Bettlägerigkeit erlöste. Obwohl die Beine nicht mehr recht mitwollten, schlug das gesunde Herz umso kräftiger und ließ sie ein gesegnetes Alter von 93 Jahren und acht Monaten erreichen. An ihrem Grabe standen am Mittwoch, den 25. April 1962, zwei Kinder, drei Enkelkinder und vier Urenkel, nebst vielen Trauergästen. Bis kurz vor ihrem Tode war ihr Geist von erstaunlicher Frische. Die Verstorbene konnte sich noch sehr gut an ihre früheste Kindheit erinnern und oft erzählte sie aus jenen längst vergangenen Zeiten. Nun hat auch sie ihre wohlverdiente Ruhe in der neuen Heimat gefunden. Die deutsche Heimaterde sei ihr leicht! (R.K.)


38. Kapitel

Hier an dieser Stelle sei mir erlaubt, die Hand meines Vaters zu führen, um allen Nimlauern die traurige Botschaft zu bringen. Mein Vater Josef Hlawatsch, geb. am 14. Nov. 1900 in Nimlau, ist am Freitag, dem 29.3.1963, in seinem jetzigen Wohnort, fern der so geliebten Heimat, infolge eines Herzschlages plötzlich gestorben. Sein so plötzlicher Tod hat nicht nur in seiner Familie und bei seinen Geschwistern, sondern auch bei seinen Nimlauern und allen, die ihn kannten, eine schmerzliche Lücke hinterlassen. Sein Bruder Edmund sprach am Grabe die Worte: Lieber Josef, wir haben heute nicht nur einen Vater und Bruder, sondern auch einen Teil Geschichte Nimlaus zu Grabe getragen. Als ob der Himmel die Worte gehört hätte, teilte sich die geschlossene Wolkendecke und die hellen Strahlen der Sonne fielen in das Grab hinein zum letzten Gruß der irdischen Welt. Nach vorhergegangenen Regentagen war die Sonne gleichsam ein Gotteslohn für seine guten Taten, die er in seinem Leben vollbringen durfte. „Stumm schläft der Sänger“ wurde daheim immer einem verstorbenen Sangesbruder am Grabe nachgerufen. Ihm war es nicht vergönnt, da alle Sangesbrüder weit verstreut in den Landen leben.

Voriges Jahr war es ihm noch einmal vergönnt, beim Olmützer Treffen in Nördlingen unter seinen Nimlauern zu weilen, und alle werden sich diese Stunden in Erinnerung rufen, wo er in fröhlicher Runde immer im Mittelpunkt aller Freunde und Bekannten, ein Leuchten in seinen Augen war, denn von diesen Erinnerungen schöpfte er die Kraft für sein arbeitsreiches Leben unter fremden Menschen, wo er sich immer einsam fühlte.

Liebe Nimlauer, der, den wir eben zur ewigen Ruhe gebettet haben, war nicht nur allen Nimlauern, er war weit über die Grenzen unseres Heimatdorfes hinaus wohl bekannt. Sein Leben war nach deiner Lehrzeit als Zimmermann durch Höhen und Tiefen gezogen. Im 1. Weltkrieg mit schweren Verletzungen, später beim tschechischen Militär, und im 2. Weltkrieg durfte er die Schreckenszeiten gesund überleben. Auch die Gefangenschaft in den Kohlengruben, wo er schreckliche Zeiten durchstehen musste, nur weil er sich gegen die menschenunwürdige Behandlung seiner Mitgefangenen auflehnte, konnte er dank seines starken Lebenswillen gut überstehen, einschließlich der Ausweisung aus der lieben Heimat. Im Jahre 1957 traf ihn zum erstenmal das Schicksal. Infolge eines Herzinfarktes musste er lange Zeit seiner so geliebten Arbeit fern bleiben, und doch hat ihm seine Willenskraft wieder die Arbeit in die Hand gegeben, die er bis zur letzten Stunde ausüben durfte. „Das Schicksal setzt den Hobel an und hobelt alles gleich“, heißt es in einem Lied und so kommt es auch.

Nach der Einsegnung auf dem so schönen Waldfriedhof in Stuttgart-Weilimdorf wurde der Verstorbene unter den Klängen eines Posaunenchors auf dem letzten Wege geleitet, gefolgt von seiner trauernden Familie, allen Geschwistern sowie allen Verwandten der großen Hlawatsch-Familie und zahlreichen Nimlauern, Bekannten und Arbeitskollegen, die ihm die letzte Ehre erweisen konnten.

Sollte mein Vater jemand in seiner Ehre gekränkt haben, so bitte ich euch, ihm das nicht nachzutragen. Er war ein guter Mann, Vater, Bruder und Freund und jederzeit gerecht gegen alle, die ihn kannten. Wir wollen uns an ihn bei jeder sich bietenden Gelegenheit erinnern und ihm so ein treues Andenken bewahren. Die letzten Grüße sendet ihm die ganze Bevölkerung der Gemeinde Nimlau. So ist mir, als dem ältesten Sohn, die Aufgabe zugefallen,die Geschichtsschreibung der Gemeinde Nimlau aus meines Vaters Hände zu nehmen. Sie wird unvollendet bleiben. Alle Nimlauer werden seine Beiträge vermissen, jedoch es denkt der Mensch und Gott lenkt.

Hlawatsch Josef jun.

Die „Olmützer Blätter“ verloren in Lm. Hlawatsch, bis 1945 Zimmermann und Baupolier bei der Olmützer Firma Heinrich Schmidt, in der Vertreibung in Weilimdorf bei Stuttgart lebend, einen fleißigen und von tiefer Heimatliebe beseelten Mitarbeiter. Unermüdlich erzählte er Monat um Monat vom Leben und Treiben daheim, von den Menschen seiner Heimatgemeinde Nimlau, von Leid und Freud, wie sie das Leben brachten. Nun deckt auch diesen treuen Heimatsohn der kühle Rasen fern der Heimat und mit ihm haben wir wiederum ein Stück unserer alten Heimat zu Grabe getragen. Ehre seinem Andenken, Friede seiner Asche!
Dr. Z
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